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Quelle: Fuchsias Weltenecho

Unsere Autorin ist Literaturwissenschaftlerin. Trotzdem hat sie seit Monaten kein Buch in die Hand genommen und fragt sich: Wie kann es sein, dass sie alle Staffeln Game of Thrones gesehen hat und trotzdem behauptet, keine Zeit zum Lesen zu haben?

Seien wir mal ehrlich... Ich für meinen Teil war das beim Thema "Lesen" lange nicht mehr. Bis vor einer Minute habe ich – mich völlig im Recht wähnend – behauptet, ich hätte keine Zeit mehr zum Lesen: Drei Kinder, ein Job, ein Haushalt, die Alibirunde Sport pro Monat... wann soll man da bitte noch lesen? Dann ist mir aufgefallen, dass ich alle Staffeln "Game of Thrones" gesehen habe. Außerdem "Designated Survivor", "White Collar" und bis zu diesem kläglichen Moment, in dem eine Babymaus verschlungen wurde, auch "Orange is the new Black". Tja. Da fragt man sich doch wirklich, wie das passieren konnte, wenn man doch eigentlich ÜBERHAUPT KEINE ZEIT hatte.

Eigentlich mag ich Bücher

Ich bin kein Mensch, den das Lesen anstrengt. Selbst Klassiker wie Effi Briest habe ich schon in Schulzeiten begeistert aufgesogen. Ja, ich weiß, unsympathisch. Ich will damit nur sagen, dass es für mich keine akzeptable Ausrede wäre, wenn ich sagen würde, dass Lesen mich wahnsinnig beansprucht. Ich habe sogar Literatur studiert. Und trotzdem ziehe ich seit Monaten die verdammte Fernbedienung meinem Bücherregal vor. Warum bloß?

Der Mensch macht es sich gerne einfach. Klug ist das nicht

Ich bin, wie viele andere, Opfer eines Trugschlusses. Auch mein Unterbewusstsein ist der Meinung, dass es mich mehr entspannt, wenn ich stumpf der Interpretation anderer Leute auf dem Bildschirm folge, als mir selbst Gedanken machen zu müssen, wie die Stimme des mürrischen Kapitäns wohl klingt, wie sehr die See aufgewühlt ist und wie das Gesicht der kühlen Blonden an Deck aussehen mag. Doch das ist ein Trugschluss. Auch, wenn es sich nach weniger Arbeit anhört, beanspruchen Netflix und Co uns viel mehr als das Lesen eines Textes. Zwar ist tatsächlich der Eigenanteil des Gehirns geringer, doch dafür muss der Kopf eine Menge Reize bearbeiten. Geräusche, Kamerabewegungen, schnelle Schnitte, all das flutet unser Gehirn mit einer Menge Daten und ist gerade nach einem Tag vor dem Computer oder am Telefon genau das Falsche für unsere geplagten Augen und Ohren. Lesen ist sehr reizarm und deshalb letzten Endes viel entspannender. Nur das muss einer mal meinem Unterbewusstsein erzählen.

Warum wir lesen...

Ich erinnere mich noch gut an eine Frage, die uns ein sehr cooler Prof im Studium stellte. Er fragte: "Warum lesen wir überhaupt?". Ich fand die Frage damals selten dämlich. Die anderen auch. Genervte Antworten à la "weil es halt bildet" kamen aus allen Ecken, aber unser Prof schüttelte immer den Kopf. Dann gab er uns seine Antwort:

"Wir lesen, um nicht alleine zu sein"

Ich habe lange darüber nachgedacht. Fühlt man sich wirklich weniger alleine, wenn man liest? Schließlich ist Lesen gefühlt ja eine eher einsame Sache. Aber im Grunde hatte der Mann recht. Erzählt mir sonst jemand ungefiltert seine Gedanken? Das macht nicht mal meine beste Freundin, nehme ich an. Mein Mann erst recht nicht. Nicht mal die Protagonisten meiner Lieblingsserie, denn die sehe ich nur von außen. Ich kenne echt nur meine eigenen Gedanken und die erschrecken mich manchmal gewaltig. Ob die anderen auch so einen Bullshit denken? Ob sie manchmal so moralisch verwerfliche Ideen haben wie mein Hirn? Ob sie an einigen Tagen so sehr an sich selbst verzweifeln, wie ich das mache? Und ob sie auch genau wissen, dass Dinge doof sind und sie dann trotzdem tun? Mh. Ich hab mich lange nicht mehr vergewissert, dass es den anderen genau so geht wie mir. Dafür müsste ich nämlich mal wieder lesen. Das mach ich auch bestimmt. Gleich heute. Direkt, nachdem ich mir eine kleine Folge angesehen hab. Oder zwei. Zur Entspannung. Wenigstens bin ich mit dieser Inkonsequenz ganz bestimmt auch nicht alleine...

 

Keine Ahnung, welches Buch du lesen sollst? Hier sind die Lieblingsschmöker unserer Redaktion:

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Eine Saga um Freundschaft und Familie, vor der Kulisse Neapels. Der Skandal um die Autorin, die unter Pseudonym schrieb, und deren Namen von einem Journalisten aufgedeckt wurde, hat den Hype um die Bücher gepusht. Schöne, einfache Lektüre. Mit dem Titel ist das Buch auch ein super Geschenktipp für die beste Freundin!
 
Kathryn Stockett: Gute Geister
Hach, so schade, wenn es vorbei ist. Ein wirklich tolles Buch über drei mutige Frauen, die alles riskieren. Manchmal lacht und weint man gleichzeitig. Gibt es auch als Film. Aber ihr wisst ja.... 
 
Chris Kraus: I love Dick
Feminismus pur. Die verheiratete Protagonistin verliebt sich in den jüngeren Dick und beginnt ein experimentelles Gedankenspiel. Genial geschrieben, witzig, anders, immer wieder werden Stereotype zum gängigen Frauenbild aufgebrochen.
 
John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter
Traurig, schöne Geschichte, bei der man bestimmt eine Träne verdrückt.
 
Andrej Kurkow: Picknick auf dem Eis
Sehr, sehr lustig!!! Ein erfolgloser Schriftsteller mit Pinguin. Herrlich.
 
Lily Brett: Chuzpe
Ein wunderbares Buch, vor allem wegen Edek. So heißt der 87 Jahre alte Vater von Protagonistin Ruth, der überraschend zu seiner Tochter nach New York zieht. Edek beginnt nach seiner Ankunft nicht nur ein Verhältnis mit der 69 Jahre alten Polin Zofia, er will auch ein Restaurant eröffnen, das auf Klopse spezialisiert ist. Nach der Lektüre möchte man wilde, mutige Dinge tun und so kühn und furchtlos sein wie Edek, der viel Kluges über das Leben weiß.
 
Martin Suter: Ein perfekter Freund 
Spannend wie ein Krimi, überraschend, kurzweilig, ohne platt zu sein. Genau das Richtige für die Liege am Pool oder ein Wochenende auf der Couch.
 
Jo Nesbo: Schneemann
Achtung: Suchtalarm! Der Haushalt wird liegen bleiben und der Schlaf zu kurz kommen. Egal. Wir lieben es. Perfekt für Nachmittage auf der Couch und dunkle Winternächte.
 
Hermann Koch: Angerichtet 
Witzig, aufwühlend  und verstörend. Dass die Frage der Moral niemals eine einfache Antwort ist, wussten wir ja. Aber dieser Autor schleudert dir das nochmal ordentlich ins Gesicht. Eine Geschichte, in der erst nach und nach die Motive der einzelnen Akteure offengelegt wird. 
 

Danke an Anna von Fuchsias Weltenecho für das tolle Titelbild