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Hach, der Christian. Also jetzt nicht der von nebenan... der andere. Der einzige, der Frauen schlagen darf und trotzdem unwiderstehlich sexy ist. Aber warum darf der das und der Christian von nebenan (oder gar der eigene Partner) nicht? Ein Erklärungsversuch.

Angefangen hat alles mit einer etwas ... nun ja ... abgedrehten Fanfiction. Erica Leonard - so heißt E. L. James im echten Leben - war fasziniert von der Twilight-Saga und schrieb Edward und Bella noch ein paar explizitere Szenen. Diese lud sie dann in einem Fanfiction-Forum hoch. Es dauerte nicht lange, bis sie im Internet selbst Fans fand. Ein Verlag wurde aufmerksam, änderte die Namen von Edward und Bella in Christian Grey und Anastasia Steel und brachte Ericas Story als eBook raus. Das Ende des Autorenmärchens kennen wir alle: Für einen siebenstelligen Betrag kaufte schließlich ein großer Verlag die Printrechte und machte am Ende trotzdem Gewinn. Denn kein Buch hat sich jemals so schnell in der Welt verbreitet wie "Fifty Shades of Grey" - nicht mal Harry Potter.

Stehen wir also alle insgeheim auf Peitschen?

Haben wir alle nur auf ein Buch gewartet, in dem wir endlich in die Welt der Peitschen und Handschellen eingeführt werden? Auf gar keinen Fall! Es ist ja nun nicht so, als hätte es SM-Porno-Schriften nicht immer schon gegeben. Auch gibt es sie noch und sie sind nicht ansatzweise so erfolgreich wie Fifty Shades of Grey. Die Geschichte um Anastasia und Christian kann man im Grunde auch gar nicht wirklich Porno nennen. Zwar ist die Sprache durchaus explizit und gerade Christian nimmt nicht wirklich ein Blatt vor den Mund, aber so richtig schlackern einem die womöglich etwas geröteten Öhrchen ja nun nicht. Nein, die Frauenwelt brauchte keinen Peitschen-Porno. Das Geheimnis von Fifty Shades of Grey ist ein anderes.

Der Mega-Bestseller pikst irgendetwas an

Fakt ist, Fifty Shades of Grey spielt vor allem mit niederen Trieben. Das devote Weibchen, das sich dem dominantesten Männchen des Rudels unterwirft. Dann noch der Mutterinstinkt, der von der kleinen, hilfsbedürftigen Kinderversion des Christian Grey aktiviert wird. Da wird in die uralte steinzeitliche Trickkiste gegriffen. Gewieft! Das Ganze dann auch noch mit Worten und die sind für Frauen oft viel erotischer als ein plumper Pornofilm, der eher auf visuelle Reize baut. Frauen ticken in Sachen Erotik nämlich ein bisschen anders als Männer. Erregung wird bei den meisten Frauen (Ausnahmen gibt es ganz sicher!) eher über Phantasie erzeugt als über visuelle Schlüsselreize. Und was beflügelt die Phantasie besser als ein Buch?

E. L. James ließ sich keine Ketten anlegen - nicht mal von der Emanzipation

Ann-Marlene Henning, Sexualtherapeutin in Hamburg und Autorin des Buchs "Make Love" erklärte in einem Interview des Stern, Unterwerfung gehöre zu den häufigsten erotischen Phantasien beider Geschlechter. Soso, beide Geschlechter also. Frauen wollen sich also Männern unterwerfen? Und das im 21. Jahrhundert? Sind wir nicht gerade dabei, wie bereits unsere Mütter und Großmütter für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen? Nun, das muss kein Widerspruch sein. Ann-Marlene Henning findet, dass sich eine gleichberechtigte Partnerschaft und sexuelle Praktiken, in denen sich einer der Partner freiwillig unterwirft, nicht ausschließen. "Das Bett ist das Bett, und das andere ist das andere. Das kann man verhandeln." In der Praxis passt die eigene Phantasie dann aber manchmal nicht zu dem Selbstbild, das man auch dem Partner vermitteln will. Henning erzählt, dass viele Paare sich nicht trauen, die eigenen sexuellen Neigungen auszuleben. "Das größte Problem ist, dass die Themen nicht auf den Tisch kommen. Die Leute spielen nicht, sie trauen sich nichts." Aha, also deshalb haben wir dann doch lieber Kuschelsex, als mal ein paar Plüschhandschellen auszuprobieren? Mh. Ob ein bisschen Experimentierfreudigkeit uns vielleicht doch ganz gut täte?

Gut finden das nicht alle

Ok. Wir sollten uns also trauen, es mal auszuprobieren, was genau uns so reizt an Christian Grey. Verstanden. Aber dürfen wir diesem Gedanken wirklich nachgeben? Schließlich gehen viele Frauen ordentlich auf die Barrikaden, wenn es um Fifty Shades of Grey geht. Sie kritisieren das vermittelte Frauenbild, die sexuelle Erniedrigung, das klischeehafte Bild aggressiver männlicher Sexualität. Dürfen wir uns also überhaupt in die Rolle der Unterworfenen wünschen? Was würde Alice Schwarzer sagen? Wir finden: Darüber lässt sich definitiv streiten. Aber bedeutet Emanzipation nicht vor allem das Recht auf persönliche Freiheit? Und ist es dann nicht auch die Freiheit, sich gerne mal übers Knie legen zu lassen? Wenn auch nur in der Phantasie... Und nicht unbedingt vom Christian von nebenan.