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Barbara Schöneberger und Eckart von Hirschhausen posieren Foto: Claudia Kempf

Diät? Nicht mit Barbara und Eckart von Hirschhausen, dem Doktor der Nation. Gesund leben wollen beide. Während Eckart dafür durchaus mal Intervallfastet, steht Barbara auf dem Schlauch

Barbara: Eckart, es ist Februar. Die Fastenzeit ist nah, die Neujahrsvorsätze sind noch nicht alt.

Eckart: Ach komm. Hör auf mit dem Quatsch. Erinnerst du dich etwa noch an deine guten Vorsätze?

Barbara: Bei mir ist im Prinzip jeder Morgen der 1. Januar. Jeden Tag liege ich im Bett und denke: Es kann doch nicht so schwer sein, an der einen oder anderen Stelle des heutigen Tages mal Nein zu sagen. Mal zu einer Flasche Wasser zu greifen statt zu einem Snack. Das Thema Essen in meinem Kopf ein bisschen kleiner zu machen.

Eckart: Und dann?

Barbara: Gehe ich die Treppen runter. Es sind gar nicht so viele Stufen, aber mit jeder einzelnen verschwindet ein Stück vom Vorsatz. Und wenn ich in der Küche angekommen bin, ist er einfach weg.

Eckart: Vorsätze nicht durchhalten kann ich auch gut. Aber ich habe jetzt tatsächlich in den letzten drei Monaten mal geguckt, ob das, was ich anderen Leuten predige, auch für mich gilt.

Barbara: Du hast doch nicht etwa ...

Eckart: Doch. Ich habe mich mehr bewegt, weniger Süßes gegessen und vor allem: einfach längere Pausen gemacht beim Essen. Ganz praktisch: ab 18 Uhr nichts mehr essen und am nächsten Morgen den ersten Kaffee ohne Croissant – Frühstück erst ab zehn. Schwups, hast du 16 Stunden intervallgefastet. Ich wollte ernsthaft herausfinden, wie mein Körper darauf reagiert.

Barbara: Und wie hat er?

Eckart: Ich habe über zehn Kilo abgenommen.

Barbara: Einfach so? Ohne Diät?

Eckart: Nein, keine Diät. Der Trick ist, sich nicht ständig alles zu verbieten. Ich glaube, da sind wir alle wie kleine Kinder. In der Psychologie heißt das Reaktanz.

Barbara: Bedeutet was?

Eckart: Gib einem Kind eine Auswahl von Buntstiften und sag ihm: Du darfst dir irgendeine Farbe nehmen – außer Gelb.

Barbara: Verstehe. Beim Kind steigt die Lust auf Gelb ins Unermessliche.

Eckart: Genau. Und das funktioniert mit jeder Farbe und mit jedem Lebensalter. Und leider auch mit Genussmitteln. In dem Moment, wo wir uns etwas verbieten, springt das Gegenprogramm an. All diese Ratschläge – du musst mehr davon, weniger davon und so weiter – scheitern fast immer, und man fühlt sich hinterher schlechter als vorher.

Barbara: Das Schema habe ich auch schon durchschaut. Ich kann sowieso mit Verboten nicht gut umgehen.

Eckart: Also hast du kein Interesse am Thema Abnehmen?

Barbara: Natürlich habe ich das. Ich war zweimal bei der Hydrocolon-Dingsbums-Darmreinigung ...

Eckart: Ah. Der Einlauf für Besserverdiener. Ein schöner Einstieg in das Thema.

Barbara: Vielleicht sogar eine gute Einführung.

Eckart: Mit einem sehr langen Schlauch.

Barbara: Mit dem tatsächlich erschreckend mechanisch alles entfernt wird, was da unten so drin ist. Der Schlauch ist teilweise durchsichtig, man kann zuschauen, quasi ein sichtbares Erfolgserlebnis. Ich dachte hinterher: Kein Wunder, dass ich davor zwei Kilo schwerer war.

Eckart: Warum hast du das überhaupt gemacht?

Barbara: Hm. Sagen wir mal: Ich brauchte eine Art Startschuss vor den Bug, um mal wieder mit ungesunden Gewohnheiten zu brechen.

Eckart: Das war dann ja wohl eher ein Schuss in das Heck.

Barbara: Und nicht günstig! Aber das ist auch so ein Anreiz: Wenn man für so etwas Geld ausgibt, muss es auch irgendwas bringen am Ende.

Eckart: Dem Hersteller der Geräte bringt es definitiv was. Die leben den Traum der Alchemisten: aus Scheiße Gold machen. Denn so ein Einlauf ist medizinisch ziemlich unsinnig. Wir denken immer: In unserem Körper sind Schlacken, da ist Dreck, da ist Müll. Wir müssen irgendwie innen aufräumen.

Barbara: Und da ist gar kein Müll?

Eckart: Es gibt keine Schlacken. Das ist ein Mythos. Natürlich hängt da irgendwas im Darm. Aber das macht uns nicht per se krank. Die Darmflora ist wichtig. Und die ist auch nicht dafür gemacht, da ständig durchzuspülen.

Barbara: Bin ich etwa einem Marketingtrick aufgesessen?

Eckart: Ja, aber damit bist du nicht alleine. Denn der Gedanke, dass wir innen irgendwie nicht okay sind, trägt sich ja durchs Leben. Wir verbinden mit Essen ganz viel Emotion und reichlich Schuldgefühle. Für mich hat so eine Darmspülung eher etwas sehr Spirituelles. Da soll etwas in uns gelöst werden. Etwas soll aus dem Dunklen ins Licht!

Barbara: Jetzt, wo du’s sagst: Das Alte geht weg, etwas Neues kommt. Darmspülung ist das neue Silvester!

Eckart: Und ist es nicht erstaunlich, wie lange das Alte zum Weggehen braucht? Glaubt man gar nicht, wenn man das Abführen nicht ausprobiert hat – vielleicht ist das auch das Spirituelle daran, die Erkenntnis: Wir sind randvoll mit unserem eigenen Scheiß.

Barbara: Es gibt ja noch mehr Möglichkeiten für einen Körper-Neustart. Ich habe eine Ayurveda-Kur gemacht, bevor ich mein Familienleben begonnen habe.

Eckart: Aha. Ein Reset. Dein Darm ging also jungfräulich in die Ehe.

Barbara: Den Rest konnte ich beim besten Willen nicht wiederherstellen. Aber was mich wirklich fasziniert hat ist die Verdauung, die man durch ayurvedische Kost bekommt. Du merkst: Das ist das Essen, für das der Körper gemacht ist.

Eckart: Diese Grundidee von der Naturheilkunde, dass Krankheiten auch mit dem Essen zusammenhängen, mit dem Darm und der Flora und der Fauna darin, das ist lange Zeit von der akademischen Medizin total belächelt worden. Aber die Tatsache, dass Essen Entzündungsvorgänge auslöst, und dass Leute mit Rheuma oder mit chronischen Schmerzen tatsächlich total profitieren, wenn sie kein Fleisch essen oder kontrolliert fasten, ist inzwischen wirklich gut untersucht. Heute wissen auch Mediziner: Der größte Einfluss, den du auf dein Leben und deine Gesundheit hast, liegt im Alltag. Und nicht in der Klinik oder in der Arztpraxis.

Barbara: Und was machen wir uns das Leben schwer! Meine Mutter hat in ihrem Leben wirklich jede Diät gemacht. Von Atkins, wo es Filet mit Sahne und Sahne und Sahnesahne gab. Oder die Ananas-Diät, wo einem von der Fruchtsäure irgendwann die Mundwinkel bis zu den Ohrläppchen aufgerissen waren. Bis hin zu nur einer Avocado oder einer getoasteten Grapefruit ...

Eckart: Getoastete Grapefruit?

Barbara: Okay, die vielleicht nicht. Aber ich habe zu Hause alles mitgemacht. Ich wusste auch schon als kleines Mädchen, wie viele Kalorien 100 Gramm Schokolade, 100 Gramm Banane, 100 Gramm Wasweißichwas haben. Ich weiß auch, dass Obstsnacken total in Verruf gekommen ist. Obst ist der Teufel!

Eckart: Gemüse ist auf alle Fälle wichtiger.

Barbara: Gibt es ein Lebensmittel, das du liebst, aber nicht lieben solltest?

Eckart: Aber hallo, Tiramisu, Marzipan oder Mousse au Chocolat – dafür lass ich dir auch die Chips über. Was mich an den Ernährungstheoretikern am meisten nervt: Sie machen dir deine Lieblingsspeisen madig – aber alle fünf Jahre mit anderen Argumenten. Ich esse seit meiner Kindheit gerne Brezel mit Butter. Erst war die Butter böse, es sollte besser Margarine sein. Heute wissen wir, dass diese gehärteten Fette in der Margarine das Allerletzte sind. Die ist viel giftiger als ...

Barbara: ... eine normale Butter.

Eckart: Genau. Dann wurde mir das Salz verboten, weil Salz bei manchen Leuten Bluthochdruck verursacht. Aber lang nicht bei jedem. Dann war das weiße Mehl dran. Musste Vollkornmehl sein.

Barbara: Also eine Vollkornbrezel mit Margarine ohne Salz.

Eckart: Diese Moden in der Ernährungswissenschaft haben vor allen Dingen dazu geführt, dass die allermeisten Leute total genervt und frustriert sind. Und gleichzeitig gibt es immer mehr ideologisch verbockte Typen, die irgendeine Ernährungsform zu einer Religion erheben. Hat Religion was auf dem Esstisch verloren?

Barbara: Nein! Aber trotzdem kann ich doch nicht unkontrolliert alles essen, worauf ich gerade Bock habe. Ich kaufe keine Süßigkeiten, weil ich weiß: Wenn ich sie habe, esse ich sie. Ich kaufe keine Chips, ich kaufe keine Säfte. Ich versuche, mich zu Hause vor mir selbst zu schützen.

Eckart: Das ist total klug. Denn folgende Situation kennst du sicher selbst gut: Du kommst nachts nach einem Auftritt ins Hotel. Und dann schaust du in die Minibar.

Barbara: Oh ja. Kenne ich!

Eckart: Und du denkst: Warum sind da jetzt keine Gemüsesticks mit einem leichten Joghurtdip drin? Ich sag’s dir: Weil keine Sau nachts Bock drauf hat. Sondern auf Erdnüsse.

Barbara: Und Chips!

Eckart: Und Alkohol und Schokolade. Und genau das ist auch da. Wenn man wissen will, worauf unser Belohnungssystem im Gehirn positiv reagiert, musst man nur in die Minibar gucken. Den ganzen Tag habe ich mich anständig verhalten – jetzt ist es dunkel, jetzt gelten andere Gesetze.

Barbara: Dann ist es doch ein Fortschritt, wenn man sich das Zeug wenigstens nicht ins Haus holt.

Eckart: Ich habe mich mal lange mit einer Gesundheitspsychologin unterhalten. Die untersucht, warum sozial benachteiligte Menschen so oft dicker sind. Ist das nur eine Frage von mangelndem Wissen, was wie viele Kalorien hat?

Barbara: Was ist ihre These?

Eckart: Das hat was mit Unsicherheit im Leben zu tun.

Barbara: Und Frustration?

Eckart: Auch. Zucker und Fett sind die billigsten schnellen kleinen Kicks, die du haben kannst. Und man muss sich immer klarmachen, dass unser Körperfunktionsprogramm vor 40 000 Jahren programmiert wurde und nicht für heute.

Barbara: Und was bedeutet das?

Eckart: Wenn man damals im Neandertal nicht wusste, ob man über den Winter kommt, was war die natürliche Reaktion von Frauen mit Kindern? Futter dir was an, dann hast du es in der Not. Das machen unterbewusst auch Leute, die nicht wissen, ob am Ende des Monats noch Geld da ist. Je unsicherer sie im Leben sind, desto mehr horten sie. Wir müssen schlauer sein als unsere Körperprogramme, wenn die auf Not und auf Stress aus sind. Und wir müssen was anderes finden, womit wir uns belohnen. Wie machst du das?

Barbara: Für mich macht der ganze Tag keinen Sinn, wenn ich nicht abends schön essen kann. Ich gehe einkaufen, und dann koche ich was Tolles. Und ich koche gut und gesund. Ein leerer Kühlschrank oder die Aussicht darauf, nichts mehr zu essen zu bekommen, finde ich das Frustrierendste auf der Welt. Also funktioniert auch mein Belohnungssystem über Essen, bloß gesundes. Aber es muss in Gesellschaft sein!

Eckart: Weißt du, woher das Wort Kumpel kommt?

Barbara: Nein.

Eckart: Es kommt von Kumpane. Der, mit dem ich mein Brot teile.

Barbara: Moment mal: Hast du nicht vorhin vom Intervallfasten geredet?

Eckart: Äh ... ja. Wieso?

Barbara: Wenn du um sechs Uhr abends deine letzte Mahlzeit zu dir nimmst – was machst du denn bitte schön, wenn du danach zum Essen eingeladen bist?

Eckart: Tja, das ist die Herausforderung, nicht total asozial zu werden. Aber es reicht ja, wenn du dich an fünf Tagen an 16 zu 8 hältst, zwei Tage kannst du essen, wie du willst. Sonst bist du in der Tat immer der Party-Puper, wenn du danebensitzt und sagst: Nee danke, lass mal.

Barbara: Ich weiß, was du meinst. Ich trinke keinen Alkohol, das ist auch immer erklärungsbedürftig. Entweder wirst du für schwanger gehalten oder alkoholkrank.

Eckart: Für diesen Rechtfertigungsdruck habe ich eine Lösung.

Barbara: Echt? Lass hören!

Eckart: Ich sage immer: Alkohol? Meine Religion verbietet es mir. Da fragt keiner nach. Und ich habe meinen Spaß. Apropos Spaß: Wie ist es eigentlich, sein eigenes Magazin zu haben?

Barbara: Toll. Nimm allein diese Gespräche: Ich kann jeden Monat spannenden Leuten Löcher in den Bauch fragen, von Robbie Williams bis zu dir. Und jetzt hast du auch eine Zeitschrift! Wie haben die dich eigentlich geködert für dein neues „Stern Gesund Leben“?

Eckart: Sie haben mir versprochen, dass es nicht viel Arbeit wäre …

Barbara: War natürlich gelogen.

Eckart: Du hättest mich ja auch mal warnen können! Aber mir macht es total Spaß, mit guten Leuten Ideen auszuhecken, die eben nicht schon tausendmal durchgekaut wurden. Ich hab ja nach der Medizin auch Wissenschaftsjournalist gelernt. Ich finde, es fehlte in der Landschaft der Gesundheitsmagazine etwas.

Barbara: Was denn?

Eckart: Humor! Plus relevanter Tiefgang und Blick über den Tellerrand. Yoga und Achtsamkeit sind ja wichtig, aber allein davon findet sich ja noch keiner im Gesundheitsdschungel zurecht.