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Bei Kathrin und ihrer Familie lebt schon seit sechs Jahren immer ein Mädchen, das auf die Kinder aufpasst – meistens aus den USA. Besonders an eine von ihnen erinnert sie sich lebhaft...

Wir haben mittlerweile schon das sechste Au-pair-Mädchen. Für uns ist das eine ideale Lösung, weil es einfach günstiger ist als ein Kindermädchen. Viele tun ja so, als hätten sie sich vor allem dafür entschieden, weil sie den kulturellen Austausch schätzen. Bei uns geht es auch ums Geld, das gebe ich ganz offen zu. 

Wir haben schon einige witzige Geschichten mit unseren Mädchen erlebt. Alle kamen bisher aus den USA. Eine blieb allerdings nur drei Wochen, weil sie streng religiös war und nicht ertragen konnte, dass wir nicht genug gebetet haben. Zum Beispiel vor dem Essen.

Eins unserer Au-pair-Mädchen ist uns besonders in Erinnerung geblieben: Whitney. Mit ihr haben wir bis heute Kontakt. Ich mochte die blonde, mollige Amerikanerin aus den Südstaaten von Anfang an. Sie war lustig und kam auf Anhieb hervorragend mit unseren Söhnen klar. Und wenn die im Bett waren, saß ich selbst gern mit ihr zusammen, um mit ihr zu reden.

Aber es ist so eine Sache mit diesen jungen, amerikanischen Mädchen. Ihr Aufenthalt hier ist ein enormer Schritt in die Freiheit. Fast alle sind ausgeflippt, wenn sie zum ersten Mal mit einem Bier ohne Papiertüte über die Straßen laufen konnten, in den USA ist das schließlich verboten.

Nachts um zwei klingelte ein fremder Mann bei uns, weil sie ihren Schlüssel verloren hatte

Auch Whitney war dem Alkohol ziemlich zugetan. Sie wollte in ihrer Freizeit immer nur feiern, saufen und schlafen. Aber sie war trotzdem super, weil sie so toll mit uns allen zurechtkam. Gerade am Anfang ihrer Zeit in Deutschland wollte sie erstmal richtig feiern. Der erste Vorfall, der damit zu tun hatte, war bereits nach drei Wochen. Whitney hatte sich mit anderen Au-pairs getroffen und mächtig einen über den Durst getrunken. Leider war sie so besoffen, dass sie nicht mehr wusste, wo wir wohnen – und ihren Schlüssel verloren hatte. Nachts um zwei klingelte deswegen ein fremder Mann mit ihr am Arm bei uns, der sie bei der Suche nach unserem Haus aufgegabelt hatte. Mit seiner Hilfe hatte sie schließlich die richtige Tür gefunden.

Da war ich schon kurz sauer, weil ich am nächsten Tag arbeiten musste und wir alle Schlösser austauschen lassen mussten. Wir haben das aber geklärt, sie hat sich sehr kleinlaut entschuldigt und alles bezahlt. So etwas ist nicht wieder vorkommen. Sie kam zwar noch häufig am Wochenende morgens nach Hause, wenn wir gerade die Brötchen zum Frühstück holen wollten, aber sie hatte immer ihren Schlüssel dabei und fand ohne Hilfe ihr Zimmer.

Whitney aß genauso viel wie sie trank. Ich hatte einmal für Besuch drei Liter Suppe gekocht und sie in den Kühlschrank gestellt. Unser Au-pair-Mädchen kam an diesem Abend in die Küche und klagte über ihre Erkältung, ich erzählte ihr von der Suppe und sagte, sie solle sie doch ruhig mal probieren, die wäre sicher gut. Danach ging ich kurz zu unseren Nachbarn. Als ich zurückkam, war Whitney im Bett und der Topf leer. Whitney aß alles, trank alles, schlief den ganzen Tag, wenn sie konnte. Sie liebte den Exzess. Aber sie liebte auch unsere Kinder exzessiv und kümmerte sich besonders aufmerksam um sie.

Whitney konnte am Ende ihres Jahres bei uns übrigens meinen Mann unter den Tisch saufen. Und sie hatte unseren Söhnen auch Kinderlieder beigebracht, die sie bis heute singen. Auch wenn sie alle anderen Au-pair-Mädchen mochten, haben sie keine so geliebt wie Whitney. Bei mir ist das genauso, ich habe sie sehr lange vermisst, als sie uns verlassen hat – auch wenn sie manchmal ein bisschen extrem gefeiert hat.