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Dildofee Petra Zwanzig hält den Glücksbringer (pink) und Poldi und Poldine in der Hand Foto: FUN-Concepts OHG
Vor 17 Jahren organisierte Petra Zwanzig ihre erste Dildoparty – eine Art Tupperparty für Sextoys. Heute macht sie damit einen Millionenumsatz. Wie es ist, jeden Tag über Sex zu reden und warum „Sex and the City“ und „Fifty Shades of Grey“ ihre Arbeit verändert haben.

Die ersten zehn Minuten sind häufig noch ein bisschen steif. Deswegen erzählt Petra Zwanzig ihren Kundinnen erst einmal, dass sie schon aus Prinzip immer alle duzt. Jemandem einen Dildo in die Hand zu drücken und zu sagen „Hier Frau Müller, halten Sie den mal“, funktioniere eben nicht. Schon hat sie die ersten Lacher auf ihrer Seite. Spätestens aber wenn sie berichtet, dass sie nach der Party die Sextoys einfach in den Geschirrspüler stecke, um die Dinger zu reinigen, ist das Eis gebrochen – und schon kann der Spaß losgehen. Nach und nach zieht die Dildofee ein Spielzeug nach dem anderen unter ihrem Zaubertuch hervor – Vibratoren, Analplugs, Liebeskugeln, Gleitgele, Massageöle, Kerzen – und reicht sie in die Runde. Dabei kann jede Frau mal Hand anlegen und selber ein wenig ausprobieren. Hält man etwa den Vibrator an die Nasenspitze, kann man prima seine Intensität spüren. Pustet man über das Gleitgel, wärmt es sich auf. Und schon sind alle mittendrin, reden über Sex und darüber, welches Spielzeug sie in der Nachttischschublade versteckt haben, diskutieren darüber, ob es den G-Punkt wirklich gibt und ob die Größe eigentlich auch bei Sextoys entscheidend sei.

"Sex and the City" machte Sextoys gesellschaftsfähig

„Passt der überhaupt?“, fragen manche Frauen, wenn sie einen der Dildos in der Hand halten. Oder „Machen Liebeskugeln einen Orgasmus?“. Petra Zwanzig klärt auf, sie berät und reißt Witze. Peinlich ist ihr nichts mehr. Das hat sie in den 17 Jahren abgelegt, die sie das Unternehmen mittlerweile bereits führt. Sie hat in dieser Zeit so viele Partys organisiert, dass sie die selber nicht mehr zählen kann. Manchmal waren es bis zu drei am Tag, quer durch Deutschland verteilt. „Mit Sex and the City ging es damals richtig los“, erzählt sie. Auf einmal stellten die Frauen fest, dass Sextoys kein Schmuddelthema mehr sind. Dass man mit seinen besten Freundinnen genauso über Masturbation und Vibratoren reden kann wie über Männer oder das neue Kochrezept. Die Dildofee-Partys sprachen sich rum, wurden immer beliebter. Heute finden etwa 180 Partys täglich statt. 4000 Dildofeen arbeiten mittlerweile für Petra Zwanzig. Zusammengerechnet machen sie 15 Millionen Euro Umsatz im Jahr und bringen 100.000 Vibratoren an die Frau. 

Der Verkaufsschlager: Toys mit Fernbedienung

Die Toys heißen Hugo Herzensbrecher oder Raupe Nimmersatt, sind alle schön bunt, ein bisschen niedlich und Eigenproduktionen. Früher hat Petra Zwanzig noch Fremdprodukte verkauft. Zum Beispiel die von Fun Factory. Aber mit dem Aufkommen der Internetanbieter ging ihr die Marge flöten. Also fing sie an, selber Produkte zu designen und sie in Deutschland und China herstellen zu lassen. Zwei bis drei neue Spielzeuge nimmt sie jedes Jahr in ihr Sortiment auf. Was gerade am besten läuft? „Die Toys mit einer Fernbedienung für den Partner. Die sind momentan besonders hip“, sagt sie. Der „50 Shades of Grey“-Hype sei hingegen schon etwas abgeflaut. Dafür hatte Petra Zwanzig extra ihr Sortiment erweitert, um Handfesseln, Masken und eine kleine Peitsche. 

Wie man sein muss, um vor einer Gruppe fremder Frauen über Sex zu reden? „Na, eine ganz normale Frau!“, sagt Petra Zwanzig. Für sie arbeiten die unterschiedlichsten Typen: Stille Mäuschen genauso wie die, die ihre Klappe ganz weit aufreißen würden. „Nur mit aufgebrezelten Uschis kann ich nichts anfangen“, sagt sie. Und Vorwissen? Braucht man das? „Das hatte ich ja selber nicht, als ich damals angefangen habe.“ Am Abend vor ihrer ersten Dildoparty probierten ihr Mann und sie zum ersten Mal einen Vibrator aus. „Warte, ich mach mal an“, sagte der „Und? Kannst du schon was spüren?“ Die ganze Aktion war etwas unbeholfen, viel zu technisch. „Am Ende habe ich ihm gesagt: ‚Leg das Ding zur Seite und komm’ her!’“

"Bring was Schönes mit, Schatz"

Noch vor 20 Jahren haben wenige Frauen überhaupt mit Sextoys experimentiert. Die Hürde war höher, auch wenn die Neugierde groß war. Man musste dafür in einen Sexshop, und die waren auf Männer ausgelegt. In den Ecken standen Wichskabinen und in den Auslagen sah man fleischfarbene Riesendildos. „Heute sind Sextoys gesellschaftsfähig geworden“, meint Petra Zwanzig. Da wird in großer Runde munter drüber geplappert, ein Tabuthema sei das schon lange nicht mehr. Auch das Bild der Männer habe sich verändert. „In den Anfangsjahren haben einige wütend geschimpft, wenn sie hörten, dass ihre Frauen zu einer Sextoy-Party wollten. „Das hat meine Frau nicht nötig. Die kriegt bei mir alles, was sie braucht“, zeterten die aufgeregt. „Heute wünschen die Männern ihren Frauen viel Spaß und sagen beim Abschied noch ‚bring etwas Schönes mit nach Hause, Schatz’“. Und manchmal rufen heutzutage sogar die Männer selber an, um die Dildolfee zu einer Party zu bestellen. „Das hat aber mehr Schulungscharakter“, erzählt Petra Zwanzig. „Die sind dann alle sehr zahm und wollen aus erster Hand erfahren, wie sich etwas für eine Frau anfühlt.“ Da hilft sie dann gerne weiter.

Petra Zwanzig ist bewusst, dass weder Sextoys noch ihre Partys für jeden etwas ist. Muss es ja aber auch gar nicht. „Manche kommen hinterher zu mir und sagen: ‚Das ist ja alles ganz schön, aber darauf stehe ich nicht.’“ Letztendlich sollte man das Ganze auch nicht zu ernst nehmen. „Bei Sextoys geht es ums Spielen. Darum, gemeinsam etwas Neues auszuprobieren. Einen Gesprächsanlass zu schaffen, um mal mit seinem Partner über Sex zu reden.“ Und das hat mit Sicherheit noch keiner Beziehung geschadet.