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Quelle: Gettyimages
Ich muss es mir eingestehen: Jedes Jahr wird es ein bisschen schlimmer. Je älter ich werde, desto mehr Marotten meiner Eltern übernehme ich – und zwar natürlich genau die, die mich immer in den Wahnsinn getrieben haben.

Ein Beispiel: Neulich flogen wir in den Urlaub. Ich habe alle mit übertriebener guter Laune so früh aus den Betten gekegelt, sie mit Müsli vollgestopft und dann ins Taxi gesetzt, dass wir zwei Stunden vor Abflug am Gate saßen. ZWEI STUNDEN!!! Und dann habe ich noch diesen fürchterlichen Satz gesagt, den ich mir Jahrzehnte lang von meinem Vater anhören musste: „Ist doch schön, wenn man nicht immer auf den letzten Drücker kommt, jetzt können wir noch ganz in Ruhe einen Kaffee trinken.“ Hallo? Bin ich denn noch ganz bei Trost?

Aber das ist noch nicht alles: Ich zähle nämlich mittlerweile auch zu jenen Menschen, die drei Mal kontrollieren, ob sie die Konzertkarten oder die Flugtickets auch wirklich eingepackt haben. Und die, bevor sie aus der Tür gehen, noch mal schnell schauen, ob der Herd auch wirklich aus ist. Schlimm, oder?

Dabei war ich früher mal ganz lässig. Wirklich! Bin in den Zug gesprungen, kurz bevor die Türen schlossen, und fand, eine Zahnbürste und ein Schlüpper reichen durchaus aus als Urlaubsgepäck. Wann bin ich nur zu diesem Spießer geworden?

Psychologen sagen, mein Verhalten sei ganz normal. Das Gehirn ist nämlich ein altes Gewohnheitstier. Es sorgt dafür, dass wir bestimmte Handlungsweisen ganz automatisch übernehmen, ohne drüber nachzudenken. Und zwar die, die uns unsere Eltern früher vorgelebt haben. Die haben sich wie dicke Trampelpfade in unserem Hirn festgesetzt, und wir kramen sie immer dann unbewusst hervor, wenn wir in eine ähnliche Situation kommen.

Und das ist meistens im Erwachsenenalter. Dann fangen wir an, unsere Kinder ähnlich zu erziehen („Wir wollen nur dein bestes“, das habe ich wirklich schon gesagt), dieselben politische Einstellungen zu vertreten (Ich habe bei den vergangenen drei Wahlen tatsächlich das Kreuz an der gleichen Stelle wie meine Mutter gesetzt) oder übernehmen den Stil des Autofahrens („Du musst vorausschauend fahren“, habe ich mir jahrelang von meinem Vater anhören müssen. Heute weiß ich, das ist jetzt nicht das Allerschlechteste).

Es besteht aber Hoffnung. Selbst so schlimme Gewohnheitstäter wie ich können ihr Verhalten ändern. Der erste Schritt in die richtige Richtung: die Automatismen erkennen. Da bin ich also auf dem besten Wege. Vielleicht schaffe ich es ja dann beim nächsten Familienurlaub, nur 90 Minuten vorher am Gate zu sein. Oder gar 60? Na, das wäre jetzt aber glatt ein bisschen verrückt. Man soll es ja auch nicht gleich übertreiben.

Langzeitstudien zeigen übrigens auch, dass sich gewisse Persönlichkeitsmerkmale ganz generell im Laufe des Lebens verändern. Wir werden mit fortschreitendem Alter alle gewissenhafter und emotional stabiler. Ich bin also nicht alleine. Da fühle ich mich gleich ein bisschen besser.