Kategorie
alcatraz island - prison / jail
Der Japaner Iwao Hakamada sitzt wegen vierfachen Mordes im Todestrakt. Nur seine Schwester Hideko glaubt an seine Unschuld. 48 Jahre kämpft sie für ihn. Fast ihr ganzes Leben

Hideko Hakamada, eine zierliche Japanerin, ist 32 Jahre alt, als ihr bisheriges Leben aufhört zu existieren. Ihr kleiner Bruder sei festgenommen worden, heißt es. Verdacht auf Raub, Brandstiftung und vierfachen Mord. „Das muss ein Irrtum sein“, denkt Hideko. Ihr Bruder wird fast 50 Jahre im Gefängnis bleiben.

Hideko sitzt auf einem Plastiksessel in einer Wohnung unweit ihres Elternhauses in Hamamatsu, einer Stadt 250 Kilometer südlich von Tokio. Sie ist mittlerweile 84 Jahre alt. Schwarze kurze Haare, nachgezogene Augenbrauen, Lippenstift. Eine Frau, die auf ihr Aussehen achtet, immer lächelt und oft lacht. Neben ihr an der Wand hängen Origami-Kraniche, japanische Symbole für Glück und Langlebigkeit. Hideko holt verblichene Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Schrank und legt sie vor sich auf den Tisch: die Mutter im Kimono, neben ihr die sechs Geschwister in Schuluniform. Ihr Bruder Iwao ist der Jüngste, sie die Zweitjüngste. Eine Kindheit geprägt vom Krieg. Wegen Bombenangriffen werden sie aus der Stadt in die nahe gelegenen Berge gebracht. Früh ist Hideko Entbehrungen gewohnt. Ein Porträtfoto zeigt sie mit Anfang 30, also in dem Alter, als ihr Bruder festgenommen wurde. Sie arbeitet in einem Café, verbringt ihre Freizeit mit Familie und Freunden. Schon damals schwarze kurze Haare und ein sanftes Lächeln.

Eine Bestie, die eine vierköpfige Familie, darunter zwei Kinder, brutal niedergestochen und ihr Haus in Brand gesetzt haben soll

Mit der Festnahme ihres Bruders 1966 beginnt nicht nur für ihn, sondern für die gesamte Familie die Isolation. Die Ermittler stellen Fragen. Kamerateams belagern das Haus. Die Familie ist drinnen eingesperrt wie der Bruder im Gefängnis. Hideko saugt jede Nachricht auf. Im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung, überall ist ihr Bruder Aufmacher. Ein ehemaliger Profiboxer, das impliziert: ein gewalttätiger Typ. Er habe viele Frauenbekanntschaften und ein uneheliches Kind: ein Ehrloser also. Eine Bestie gar, die eine vierköpfige Familie, darunter zwei Kinder, brutal niedergestochen und ihr Haus in Brand gesetzt haben soll. Alles für nur 60 000 Yen, umgerechnet knapp 500 Euro. „Das ist ja Irrsinn! Mein süßer Bruder macht so etwas nicht“, sagt Hideko. Sie hatte ihn kurz vor der Festnahme noch getroffen. Drei Tage nach dem Mord und bevor er zum Verdächtigen wurde. Hätte er gemordet, er wäre verändert gewesen, sagt sie. Vielleicht verstört oder kühl. „Aber er war wie immer.“ Der süße kleine Bruder. Also unmöglich, dass er es war. Es ist genau dieses Gefühl, auf dem Hideko ihren Glauben an seine Unschuld aufbaut.

Iwao hat kein Alibi. Er kommt in Untersuchungshaft und wird wochenlang verhört, durchschnittlich zwölf Stunden am Tag. Nach insgesamt 264 Stunden Verhör gesteht er die Tat. In den folgenden Tagen folgen 53 weitere Geständnisse, mit wechselnden Motiven, die Iwao aber bald widerruft, er sei unter Druck gesetzt worden, durfte während der Befragung nicht mal auf die Toilette gehen. Er schickt Briefe nach Hause, in denen er seine Unschuld beteuert. Er schreibt: „Ich bin unschuldig und warte jetzt gelassen auf das Urteil. Mein Zimmer ist warm, also bin ich nicht unzufrieden.“ Beim Gerichtsverfahren werde sich alles aufklären, glaubt die Schwester. Stattdessen wird ihr Bruder zum Tode verurteilt.

„Bis auf die Familie glaubten alle, er sei schuldig.“

Hideko errichtet eine Mauer um sich. „Bis auf die Familie glaubten alle, er sei schuldig.“ Sie zieht sich zurück, will sich nicht mit Menschen umgeben, die nicht an ihre Wahrheit glauben. „Ich hatte Angst, die anderen könnten mich beeinflussen“, sagt sie. An ihrem äußeren Leben ändert sich wenig. Sie geht weiter arbeiten und hat auch Bekannte, mit denen sie die Freizeit verbringt. „Aber über meinen Kummer sprach ich mit niemandem.“ Stattdessen wird Iwao ihr Lebensinhalt. Sie ist die einzig Ledige unter den Geschwistern und steht ihrem Bruder wegen des geringen Altersunterschieds ohnehin am nächsten. So übernimmt sie den Briefverkehr mit ihm, als die Mutter kurz nach der Verurteilung stirbt. Iwao schreibt viele Briefe, Hideko schreibt zurück. Einmal im Monat fährt sie nach Tokio, um ihn zu besuchen. Im Gefängnis trägt sie Namen, Adresse und ihr Verwandtschaftsverhältnis in ein Formular ein. Sie zeigt ihren Ausweis und erhält eine Nummer wie beim Bürgeramt. Hideko wartet, bis sie dran ist. Sie betritt den Besucherraum Nummer 5, zehnter Stock.

Das erste Mal, dass sie ihren Bruder wiedersieht, redet er eine halbe Stunde lang ohne Unterbrechung. Er zeigt auf, warum er es nicht gewesen sein kann. Hideko fährt nach Hause, bestärkt: Er war es nicht, es wird sich alles aufklären. Sie kümmert sich um die Anwälte. Sie legt Berufung ein, die abgelehnt wird. Sie geht in Revision.

"Ihr Bruder kommt in Isolationshaft und könnte jetzt jeden Tag sterben"

1980, Iwao sitzt bereits 14 Jahre ein, wird das Todesurteil bestätigt. „Die ganze Welt bestand für mich nur noch aus Feinden“, sagt Hideko. Ihr Bruder kommt in Isolationshaft und könnte jetzt jeden Tag sterben. Todeskandidaten werden in Japan am Tag ihrer Hinrichtung morgens mitgenommen und erhängt. Erst danach würde Hideko informiert werden. „Gestern gab es eine Hinrichtung“, schreibt Iwao. „Es war der Mann aus der Zelle neben mir. ‚Alles Gute euch‘, hat er noch gesagt. Wir sind alle entmutigt.“

Einmal, sagt Hideko, habe sie überlegt zu heiraten. „Aber dann hätte ich mich nicht mehr um Iwao kümmern können.“ Die Mauer, die Hideko um sich errichtet hat, steht mittlerweile fest. Sie schränkt sie nicht nur ein, sie schützt sie und lässt sie weiterkämpfen. „Irgendwann habe ich mein Schicksal akzeptiert.“ Sie tue, was sie kann, aber ändern könne sie die Situation nicht, und lamentieren bringe nichts. „Gaman shika nai“, sagt sie: Das Einzige, was sie tun könne, sei durchhalten. „Gaman“, aussitzen, ertragen, dulden. In Japan ein Zeichen von Stärke und Reife, im Ausland oft als fehlende Initiative missverstanden. Nicht die Wut treibt sie an, sondern der Glaube an ihren Bruder. „Das Leben ist oft nicht einfach“, sagt sie und lächelt. Auch das Lächeln ist eine Wand, hinter der sie ihre Gefühle verbirgt. Hideko erträgt und entbehrt das Leben: Sie feiert weder ihre Geburtstage noch das Neujahrsfest. „Iwao hatte doch auch keine Feiern in seiner Haft“, sagt sie. „Ich wollte ihm nahe sein.“

Lange bleibt sie allein mit dem Glauben an den Bruder. Aber als der oberste Gerichtshof in den Achtzigerjahren die Todesstrafe endgültig bestätigt, bilden sich Unterstützergruppen. Der Fall wird bekannter, langsam beginnen auch Menschen außerhalb der Familie für Iwaos Freilassung zu kämpfen. Hideko wird zur Sprecherin bei Veranstaltungen, trifft viele der Helfer regelmäßig. Dennoch: Freunde sind es nie geworden. Selbst nach Jahrzehnten nicht. Hideko wahrt ihre höfliche Distanz. Für das Einreißen ihrer Mauer scheint es schon zu spät. Seit den Neunzigerjahren ist Iwao geistig verwirrt. 1991 erhält Hideko eine letzte Postkarte. Als Empfänger der Name einer Göttin, durchgestrichen, darüber ihr Name. Ab 1994 verweigert der Bruder ihre Besuche. Er habe keine Schwester. Zwölf Jahre lang fährt sie weiter jeden Monat ins Gefängnis und wartet darauf, dass er vielleicht doch kommt. Zwölf Jahre. Dann, 2006, sitzt Iwao ihr erstmals wieder gegenüber. Er fragt, ob es Drachen gebe, und behauptet, er wohne in einem Palast. Hideko achtet nicht darauf, was er sagt. Sie achtet auf seine Gesichtsfarbe, denkt: Ein bisschen dünn sieht er aus. 2009 wird sie Iwaos Vormund. Inzwischen wird über einen DNA-Test debattiert, Hideko drängt weiter darauf, das Verfahren wieder aufzurollen. 2011 steht das Ergebnis des Tests fest: Auf Kleidung, die als Beweis angeführt wurde, fand sich weder die DNA der Opfer noch ihres Bruders.

"Iwao kommt frei"

Iwao kommt frei. Es ist Frühling 2014, 48 Jahre nach seiner Festnahme, als Hideko ins Gefängnis fährt, um ihren Bruder abzuholen. „Das war der glücklichste Tag meines Lebens“, sagt Hideko. Heute lebt er bei ihr. Während sie erzählt, sieht er im Nebenzimmer fern. Noch immer psychisch krank. Noch immer kümmert sich Hideko. Und kämpft. Sie möchte, dass die Unschuld ihres Bruders offiziell anerkannt wird. Dass er Entschädigung erhält. Deswegen ist sie auch noch mit 84 ständig unterwegs, hält Reden im ganzen Land. Erzählt über Iwao und sein Schicksal, das zu ihrem Schicksal geworden ist. Lächelt. Bespricht sich mit den Anwälten. Kaum ein Tag vergeht ohne Termine. „Aufgeben würde ich nicht ertragen“, sagt sie und lacht. Sie hoffe, dass das Urteil bis zu ihrem Tod entschieden sei. „Vielleicht bleiben mir noch zwei oder drei Jahre.“ Hideko sieht müde aus hinter ihrem Lächeln und packt die Fotos aus ihrem alten Leben zurück in den Schrank.