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Anlässlich ihres neuen Films "Unsere Seelen bei Nacht" kritisierte Jane Fonda neulich, dass Senioren kaum Sexszenen in Filmen hätten. Sie hat recht. Was soll das eigentlich?

Ich habe vorher nie darüber nachgedacht, aber als Jane Fonda neulich sagte, dass sie findet, Seniorensex müsse doch mittlerweile auch im Kino normal sein, aber leider gebe es ja Altersdiskriminierung, begann mein Kopf zu arbeiten. "Will ich das sehen?", fragte ich mich. Und dann: "Spielt es überhaupt eine Rolle, ob ich das will?". Tatsächlich hat die 79 Jahre alte zweifache Oscar-Preisträgerin ja recht, wenn sie sagt, dass Alte oft diskriminiert werden. Nicht nur in Hollywood. Eigentlich werden sie nicht nur herabgesetzt und benachteiligt, es wird so getan, als würde es sie gar nicht geben. Überhaupt: Wann ist man eigentlich alt? Und wie lange "darf" man Sex haben? Schon diese Fragen klingen unverschämt. Oder? 

Eine andere Frage ist, ob es wirklich ästhetisch ist, älteren Menschen im Kino beim Sex zuzuschauen. Aber das ist Geschmacksache. Ob einem Sexszenen in "50 Shades of Grey" gefallen übrigens auch. Oder ob man die Verfilmung von "Es" mag. Wen etwas stört, der kann ja schließlich wegschalten, den Fernseher oder das Kino verlassen oder erst gar keine Karte dafür kaufen. Menschen über 50 im TV und Kino erst gar nicht zu zeigen hingegen, ist eigentlich völlig absurd. „Es gibt Leute, die wollen sich das nicht ansehen, wenn alte Menschen in Filmen jemanden küssen oder Sex mit anderen alten Menschen haben. Weil sie jetzt eben Menschen sind, die keine junge Haut mehr haben, die nicht mehr perfekt aussehen“, sagte Jane Fonda der Welt am Sonntag im Interview. Dabei werden die Menschen immer älter. Deswegen frage ich mich: In was für einer Welt leben wir eigentlich, dass man nur perfekt gestählte, jugendliche Körper auf der Leinwand zeigen darf?

Das echte Leben ist voller dicker, dünner, junger und alter Menschen

Mal ganz abgesehen davon, dass Jane Fonda und Robert Redford einfach toll aussehen – egal, wie alt sie sind. Insgesamt sollte man denken, dass in Filmen das Leben abgebildet werden soll, in all seinen Facetten. Tatsächlich scheint das aber mit etwa 50 aufzuhören, zumindest das davon, was im Bett stattfindet. Dabei ist das Quatsch. Studien zufolge sind 70 Prozent der 75-Jährigen zufrieden mit ihrem Liebesleben. Außerdem verspüren unter den 75-Jährigen noch 61 Prozent der Frauen regelmäßiges sexuelles Verlangen. Warum sieht man davon nie etwas im Kino? Wir sind unser Leben lang sexuelle Wesen, das hört nicht mit dem 40., 50. oder 60. Geburtstag abrupt auf. Das ist einfach so. 

Jane Fonda habe die Sexszenen mit Robert Redford für "Unsere Seelen bei Nacht" sehr genossen, berichtete sie im Interview. Die Oscar-Preisträgerin habe sich mehr davon gewünscht, aber sie seien zusammengestrichen worden. Tatsächlich sollten wir uns alle mehr Sexszenen mit älteren Schauspielern wünschen. Nicht nur wegen Jane Fonda, sondern weil es gerechter wäre und ehrlicher, auch mal Geschlechtsverkehr zu zeigen, der jenseits des "Verfallsdatums" stattfindet. Damit ein weiteres Tabu verschwindet. Und weil es fair wäre, das Leben so abzubilden wie es eben ist. Voller dummer, schlauer, dicker, dünner, jugendlicher – und eben vieler älterer und richtig alter Menschen. Schließlich werden wir alle nicht jünger. Auch wenn Hollywood manchmal so tut.