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Unsere Autorin über ein absurdes Frauenbild und den Pragmatismus der Deutschen, selbst in ihren Betten

In Filmen sieht man immer folgende Szene: Eine Frau sitzt im Negligé – einem dieser sexy Seidendinger mit ein bisschen Rüschen dran – vor ihrem Schminktisch und kämmt sich ihr langes, wallendes Haar. Traumfabrik hin und her, aber ein bisschen mehr Realität dürfte es schon sein, oder? Diese Szene hat gleich so viele Fehler, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Aber ein Negligé? Wirklich? Schreiben denn eigentlich nur Männer diese Drehbücher? Keine Frau, die ich kenne, sitzt vom Montag bis Freitag jeden Abend vor ihrem Spiegelchen, um sich für ihren Männe hübsch zu machen, damit sie dann anschließend leidenschaftlich über ihn herfallen kann. Das ist so 50er dieses Frauenbild. Und damals war es wahrscheinlich auch schon veraltet.

Der Pragmatismus unter der Bettdecke

Eine völlig unrepräsentative Umfrage in meinem Freundeskreis hat ergeben: Keine der Damen besitzt einen Schminkspiegel oder ein Negligé. Die Wahrheit in deutschen Schlafzimmern ist viel pragmatischer. Hoch im Kurs sind T-Shirt und kurze Schlafpants. Oder nur T-Shirt, dann meistens eines vom Mann in XL und so oft gewaschen, dass es schön weich ist. Oder Pyjamahose mit Top. Oder mit ohne alles – also: nackt.

Eine Studie von Textilwirtschaft, die alle zehn Jahre erscheint, belegt: Die Deutschen mögen es bei der Nachtwäsche unkompliziert. Für 85 Prozent muss sie praktisch, bequem um pflegeleicht sein. Das heißt also: Wir würden uns nix zum Schlafen anziehen, was wir am nächsten Tag per Hand wieder sauberschrubben müssen. Jede Dritte zieht übrigens nachts an, was sie auch abends auf der Couch trägt: Homeware heißt das auf Neudeutsch. Runtergebrochen sind das dann wohl Leggins, dicke Socken und Schlabbershirt. Darüber könnten die mal einen Film machen. Da würde ich mich direkt drin wiedererkennen können.

Wer schüttelt sonst den Kopf?

Jetzt frage ich mich nur noch eines: Sind denn nur wir Deutschen unter der Decke die Pragmatiker? Würden Franzosen, Amerikaner und Brasilianer den Kopf schütteln, wenn sie eine Szene sehen würden, bei der eine Frau im T-Shirt ihres Liebsten mit ungekämmten Haaren die Daunendecke bis unters Kinn zieht und sagt: „Schlaf gut Schatz, bin müde, Sex dann am Donnerstag, ne?“ Vielleicht könnten wir da ganz kurz mal eine nicht repräsentative Umfrage starten. Die Ergebnisse interessiert bestimmt auch Hollywood.