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Pubertät ist schon schlimm genug. In den falschen Klamotten allerdings: ein Albtraum. Unsere Autorin Nikola Haaks erinnert sich an Jahre unbändiger Sehnsucht

Wenn ich an meine Schulzeit denke, fallen mir nicht als Allererstes lustige Pausen oder doofe Lehrer ein. Ich sehe vor meinem geistigen Auge Farben: Hellblau (verwaschene Closed-Pedal-PusherJeans), Mintgrün (Benetton-Sweatshirts), Knallpink (Moonboots) und Babyrosa (Lacoste-Polohemden). Willkommen in der bonbonfarbenen Markenhölle der 80er, in der meine Mitschülerinnen über schreddelige Flure schlenderten und mit einer unglaublichen Nonchalance die neueste Marc-O’Polo-Kollektion vorführten. Es war die Hochphase der Popper, sorgfältig geföhnt und adrett gekleidet – und ich kann ohne den Hauch eines Zögerns behaupten: Ich war nicht dabei.

Ich nämlich „hob mich von den anderen ab“ (O-Ton meine Mutter). Was gut funktioniert hätte, wenn mein Selbstbewusstsein groß genug gewesen wäre, um den „individuellen“ Kleidungsstil, den sie für mich vorsah, mit Würde zu tragen. War es aber nicht. Ich wollte nichts sehnlicher als Teil dieser Markenfamilie sein. Anders gesagt: Die Interessen von meiner Mutter und mir liefen diametral auseinander. Meine Verhandlungsposition war aufgrund meiner niedrigen innerfamiliären Hierarchiestufe und mangelnder Liquidität denkbar schlecht. „Ich sehe überhaupt nicht ein, für diesen Einheitslook auch noch Unsummen auszugeben“, sagte meine Mutter. Ende der Debatte. Und mein gespartes Zeitungsaustrage-Geld hätte gerade mal für das halbe Hosenbein einer Closed gereicht.

Wir gingen also gemeinsam ins Einkaufszentrum. Und ich verließ es mit Tüten voll Kaufhausmode. Kombiniert wurden diese unscheinbaren Sachen mit „einzigartigen“ Teilen, die meine Mutter von einer Freundin aus Düsseldorf anschleppte, die dort Kindermode vertrieb. Für uns natürlich zum Einkaufspreis. Ein goldfarbener Plastikblouson mit Tigerkopf auf dem Rücken war nur eine der modischen Verirrungen. Ich (er)trug ihn mit einer Mischung aus Scham und Trotz.

Cool waren leider nur die anderen

Das eigentlich Schlimme war, dass die meisten Sachen, die ich besaß, nicht total aus dem Rahmen fielen, wie der Goldblouson, sondern immer nur eine Spur daneben waren. Ich trug Jeans – wie alle –, aber der Schnitt war scheiße. Ich trug Ballerinas – wie alle –, aber meine hatten eine dicke Kreppsohle („Und ein gesundes Fußbett!“). Mein Jeanshemd war kein wirkliches Jeanshemd. Und dann waren da noch diese lässigen Hängepullover ohne Bündchen – die ich nicht besaß –, unter denen die Bluse hervorlugte. Die aus Düsseldorf importierten Zopfmusterpullis („Ganz besonders und tolle Qualität!“) hatten so richtig doofe enge Bündchen. Ich war also ständig darauf konzentriert, an meiner Bluse, die eben nicht lässig unter dem Pullover herausquoll, herumzuzupfen. Besonders angestrengt, wenn ich nach vorne an die Tafel musste. Wirklich: Ein Wunder, dass ich damals in der Siebten überhaupt das Klassenziel erreichte.

Warum ich das alles aushielt und nicht einfach rebellierte? Meine Mutter hatte wirklich die besseren Argumente. Und: Ich war in jenen Jahren wohl zu schlapp, mich in einer Gegenreaktion zu hyper-individualisieren. Ich hätte ja zum Beispiel Klamotten selber nähen und mit lässigen Batiktechniken versehen können. Aber mit meinem nicht vorhandenen Selbstbewusstsein ...?

Mein Unbehagen fiel keinem auf – nur mir

Und so blieb ich in einem Stil gefangen, der definitiv zu viel „Palomino“ war, um „in“ zu sein, und nicht schräg genug, um als speziell zu gelten. Ich litt still vor mich hin und beobachtete die coolen Popper aus der Ferne. Sah, wie die hübschen Jungs mit Föhnfrisur sich ranwarfen an die anbetungswürdigen Mädchen auf Kitten-Heels von „Pömps“. Ich zupfte weiterhin verzweifelt an meiner Bluse.

Das Perfide ist, dass mein Unbehagen wahrscheinlich niemandem auffiel – außer mir. Ich war ja kein Nerd in absurden Flohmarktklamotten. Ich wurde nicht einmal gehänselt. Aber ich fuhr auf dem schmalen Grat des perfekten Looks einfach immer neben der Wegmarkierung. Und das war ein total ätzendes Gefühl.

Klar, was passierte, als ich endlich selbst für meine Klamotten verantwortlich war: Ich wurde die wohl am lahmsten gekleidete Spät-Popperin, die je im norddeutschen Raum gesichtet wurde.