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Manche Leute buchen ein Coaching für mehr Selbstbewusstsein, andere trainieren ihre Schlagfertigkeit. Aber was können Frauen noch über ihre Brüste lernen? Unsere Autorin fasste sich ein Herz und besuchte ein Busen-Seminar

Und schon liegen wir am Boden. Gerade mal 40 Minuten hier, pocht mein Herz noch aufgebrachter als zu Beginn der Veranstaltung. „Brustwärts“ ist das Thema, und ich weiß gerade nicht, ob ich da überhaupt hinwill. Folgen die anderen elf Frauen dem Vorschlag der Kursleiterin und greifen sich an die eigenen Brüste, um von innen in sie hineinzuspüren? Ich halte meine Augen fest geschlossen und denke: Ganz sicher werde ich mein T-Shirt hier und jetzt nicht hochschieben. Die große Frage über diesem Treffen lautet: Wie gelingt es, jenseits von der jeweiligen Erscheinung der Brüste einen inneren Kontakt zu ihnen zu kultivieren? Meine Frage dazu: Ist das überhaupt notwendig, ein innerer Kontakt? Und zeitgleich der Gedanke: Hier nur rumzuliegen und sich zu sträuben bringt gar nichts. Also friemele ich etwas unbedacht meine rechte Hand durch den rechten Ärmel, die linke durch die andere Seite, bis sie auf meinen Brüsten ruhen. In meiner Vorstellung liege ich da wie ein Tiefkühl-Hühnchen, mit nackten, angewinkelten Flügeln, und hoffe sehr, dass die anderen Teilnehmerinnen ebenfalls intensiv mit sich selbst beschäftigt sind.

Was ist die Bedeutung deiner Brüste? Wie bitte?!

Vorhin hat es mich fast umgehauen, als jede von uns kurz erzählen durfte, was ihre Brüste ihr bedeuten. Vor allem, weil mir selbst kaum etwas dazu einfällt. Welches Verhältnis pflege ich zu meinen Brüsten? Warum spüre ich da so gar nichts? Ich versuche, mich ihnen nüchtern zu nähern. Meine finde ich nicht zu klein, aber groß sind sie nun auch nicht. Sie gehören zu mir, bereiten mir nie Schmerzen – aber Bedeutung? Bei den anderen Frauen hört sich das eindringlicher an: Eine berichtet von ihren als besonders erogener Zone. Die nächste sagt, sie mochte ihre während der Stillphase, weil sie da schön geformt waren. Für die Frau daneben hatten ihre Stillbrüste endlich mal eine Funktion.

Viele mögen ihre Brüste, andere leiden an ihnen, zum Beispiel die junge Frau neben mir, weil sich jeder, wirklich jeder zu ihnen äußert. Es gibt Männer, sagt sie, die rufen quer über die Straße: Geile Titten! Wie sollte sie das ignorieren? Gibt es auf so einen Übergriff überhaupt eine angemessene Reaktion?

Busenbewusstsein durch Brust-Watching

Wir lassen los, zuppeln Shirts und BHs wieder zurecht und tun uns in kleinen Gruppen zusammen. Jetzt die Aufgabe: Wir malen unsere persönliche Brustkurve. Eine Art Chronologie unseres Busenbewusstseins, die Höhen, die Tiefen – und ich hab meine Buntstifte vergessen. Eine Kiste Wachsmaler wird rumgereicht. Und beim Aufmalen kommen unsere Erinnerungen – die Vermessung der Weiblichkeit, das schönste Kompliment, das schmerzhafteste Erlebnis und, natürlich, der aktuelle Stand der Dinger. Manche Geschichte geht mir so nahe, dass ich mir laufend an die Brust fassen möchte. Kann man hier machen. Wir gestatten uns auch tiefe Einblicke, was so aufregend ist, denn Frauen betreiben eher selten Brust-Watching. Und in den Medien bekommen wir ja meist Retuschiertes oder Operiertes zu sehen. Hier aber wird deutlich, wie toll die zwei doch immer zum jeweiligen Rest passen. Eine rein äußerliche Sicht, natürlich.

The way to my heart

Die Nächste in der Reihe ist offenbar schon länger im Thema, sie sagt: Wenn ich regelmäßig in meine Brust hineinspüre, dann bin ich gelassener und gleichzeitig offener für alles von außen. Kein Wunder, sagt eine andere: Das Herz, das ist ja direkt dahinter. So hab ich das noch nie gesehen: The way to my heart.

Nicht auszudenken, was los wäre, würden wir unseren Brüsten mehr Aufmerksamkeit schenken. Wohlwollend und aus uns heraus.