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Selbstbewusstsein hat man oder hat man nicht? Ganz so einfach lässt sich das nicht sagen. Sich seiner selbst bewusst zu sein, das bedeutet nämlich, sich immer wieder neu anzusehen, Zeit mit sich selbst zu verbringen und die eigene Entwicklung zu beobachten. Deshalb kann es durchaus mal Phasen geben, in denen wir uns nicht ganz so wohlfühlen in unserer Haut oder in einer neuen Rolle. An der Stage School Hamburg gibt es ein Coaching, das einem in solchen Phasen helfen soll, trotzdem sicher zu wirken. "Wie es tief in dir drin aussieht, das geht keinen etwas an", sagt die Dozentin Karin Frost-Wilcke.

Sie ist klein, zierlich, hat graue Haare, eine rote Brille und ihr "Guten Morgen" vibriert wie ein Versprechen durch den Seminarraum. Es ist Samstagmorgen, ich hatte noch keinen Kaffee und ich habe "Schiss" wie man bei uns in Norddeustchland sagt. Gemeinsam mit elf Fremden und unserer Dozentin sitze ich hibbelig auf meinem Stuhl in einem Proberaum der renommierten Hamburger Stage School. Hier werden normalerweise angehende Musicalstars in Tanz, Gesang und Schauspiel ausgebildet. Heute sitzen wir hier, um mit Hilfe einer Schauspieldozentin unser Selbstbewusstsein aufzupolieren. Wie das gehen soll an einem einzigen Wochenende? Keine Ahnung!

Ach SO ist das!

Besonders viele Infos bekommen wir nicht. Erst einmal soll jeder sagen, weshalb er hier ist. In mir drin dreht sich die Wahrheit mit einer "schönen Antwort" im Kreis. Die Wahrheit ist: Ich kenne mich jetzt seit 33 Jahren und mag mich ehrlich gesagt ziemlich gerne. Ich finde mich witzig, klug und meistens bin ich ein ziemlich netter Mensch. Letzteres ist aber nicht immer eine Stärke. Je älter ich werde, desto mehr geht mir mein eigener Zwang, "nett" zu sein, tierisch auf den Senkel. Wenn ich mit Menschen rede, verliere ich ganz schnell meine eigenen Interessen aus den Augen. Ich werde zum Ja-Sager, entschuldige mich für Dinge, die ich gar nicht falsch gemacht habe und sage Sachen zu, über die ich mich im Nachhinein ärgere. Wenn das alles wäre, würde ich damit noch klarkommen. Aber die Sache hat einen weiteren Haken: Immer nette Menschen nimmt kein Mensch ernst. Ich kann das sogar verstehen, ehrlich gesagt. Weil ich sowieso immer alles verstehe. Schrecklich!

"Selbstsicherheit hat viel mit Konzentration zu tun"

Unsere erste Übung: Namen lernen. Aber zackig. Wir haben wenige Sekunden, um uns die Vornamen unserer Mitstreiter zu merken, dann geht es los. Jemand zeigt mit dem Finger auf mich, ich muss seinen Namen nennen. Keine leichte Aufgabe für einen Träumer. "Um souverän zu sein, darf ich nicht abdriften und muss aufmerksam in der Situation bleiben", erklärt Karin Frost-Wilcke. Da ist was dran. Nach ein paar Runden sind wir bei Vorname, Stadt und Blume. Mein Gehirn raucht. Dann wird es spannend. Wir werden eingeteilt in Chef und Angestellter, der Chef soll seinen Angestellten jeweils mit einem unangenehmen Thema konfrontieren. Ich stelle erschrocken fest, dass ich erleichtert bin, als Angestellter den Anschiss kassieren zu dürfen. Alles besser, als einen anderen Menschen in Verlegenheit zu bringen. Ich mache meine Sache gut. Einstecken kann ich. Doch ich habe mich zu früh gefreut: Wir sollen Rollen tauschen. Meine Aufgabe: Ich soll den über zwei Meter großen Mann vor mir darauf hinweisen, dass es eher ungeschickt ist, mit Knoblauchfahne Kunden zu empfangen. Erst nett. Das kann ich. Dann soll ich die letzte Warnung aussprechen. Ich soll wirklich sauer sein. "Schrei ruhig mal! Du hast es Herrn Maier ja auch schon hundert Mal gesagt." Oh Mann. Ich soll einen riesigen Mann anschreien. Wegen seiner Knoblauchfahne. Ich, die ich es schon furchtbar finde, meinen engsten Freunden freundlich zu sagen, wenn mich was genervt hat. "Herr Maier", beginne ich mit gerunzelter Stirn und halbherzig erhobenem Zeigefinger. "Es wäre wirklich nett, wenn Sie..." "STOP!", schreit Karin Frost-Wilcke und sieht mich entgeistert an. "SO willst du dich durchsetzen?" Ich nicke. "Naja, wenn ich es ihm vorsichtig sage, dann ...." Ich komme nicht weit. Mit zorniger Miene stürzt meine zierliche Dozentin auf den verdatterten Kursteilnehmer zu. "Herr Maier!", donnert es durch den Raum. Wir schrecken alle zurück. "Wenn ich Sie hier noch einmal mit Knoblauchfahne sehe, dann sind Sie RAUS!" Totenstille im Raum. "Achtung, das ist übrigens keine Anleitung, wie man ein guter Chef ist!", sagt unsere Dozentin mit ruhiger und fester Stimme. "Es geht mir einfach nur darum, Euch zu zeigen, welche Macht Stimme und Körper haben können." Wir recht sie doch hat.

Tag 2 bringt den Durchbruch

Einen Tag später sitzen wir wieder zusammen. Ich leider mit einem fetten Kater und genau vier Stunden Schlaf hinter mir, weil ich am Samstag noch "kurz" auf einen Geburtstag gegangen bin. Meine Stimme klingt heiser, sie hätten gestern nicht die Backstreet Boys spielen dürfen, dann hätte ich nicht so grölen müssen. Nun gut. Am Ende war es vielleicht gar nicht so schlecht. Die Müdigkeit und der schwindelnde Kopf wirken irgendwie enthemmend. Wir machen Stimmübungen, Sprechtechnik-Übungen, laufen durch Türen, halten improvisierte Reden, brüllen und flirten uns an. Ich stehe nur Zentimeter vor einem fremden Mann und soll die Nähe aushalten, ohne zu kichern. "Wir kichern und winden uns meist aus Verlegenheit", lerne ich. "Dabei kann man sehr viel aushalten, wenn man sich konzentriert." Es stimmt. Wir sehen uns an und halten es einfach aus, uns zu nahe zu kommen. Danach wird es wieder wütend. Ich nehme mir vor, es diesmal besser zu machen. "Komm zurück!", schreie ich durch den Raum. "Komm zurück!" Nach dem fünften Mal bin ich zufrieden. Unsere Dozentin auch. "Genau so", lobt sie mich und ich stolziere mit vor Stolz geschwellter Brust wieder auf meinen Platz.

Was ich gelernt habe

Am zweiten Tag gibt es eine Menge Feedback. Wir geben uns Tipps zur Körperhaltung, sagen uns, wie wir aufeinander wirken. Dabei kommt raus: Die anderen finden mich gar nicht so "nett". Was erstmal hart klingt, ist eine gute Nachricht für mich. "Ich finde, du strahlst ganz viel Souveränität aus. Du wirkst kein bisschen nervös, wenn du vor Menschen sprichst." Ich bin platt. Ich? Souverän? "Du wärst eine tolle Chefin!", sagt mir eine andere Kursteilnehmerin in der Mittagspause. Bitte was? Ungläubig schaue ich in die Runde. "Ernsthaft jetzt?" Die anderen bestätigen die Meinung. "Ich glaube, du kannst deine Meinung gut vertreten und bist sehr durchsetzungsstark." Ich denke über ihre Worte nach und merke, dass sie recht hat. Ja, ich kann das tatsächlich. Nicht nur rumschreien, sondern auch argumentieren und mich durchsetzen. Das habe ich jetzt zwei Tage lang gemacht. Im echten Leben da draußen tue ich es einfach nur nicht, weil ich Angst habe, anzuecken. "Aber Menschen, die anecken, sind viel authentischer und oft auch beliebter als die anderen", beruhigt mich Karin Frost-Wilcke. Ich gehe ein paar Leute in meinem Bekanntenkreis durch und merke: Ja, genau so ist es. Die Leute, die ich am liebsten mag, sind nicht unbedingt die bequemsten. Sie lassen mich nicht immer nur wohlfühlen. Sie geben mir ehrliches Feedback. Und sie sagen auch mal NEIN.

Hält das auch?

An diesem Sonntagabend gehe ich anders nach Hause. Allein schon meine Körperhaltung hat sich verbessert und ich merke: Mein Körper gibt der Seele die Richtung vor. Ein erhobener Kopf, eine stolze Brust, all das macht mich größer, auch innerlich. Am nächsten Tag kann ich direkt ausprobieren, ob das Wochenende etwas gebracht hat. Ich soll einer anderen Abteilung präsentieren, wie wir ein Problem gelöst haben. Ich laufe mit festen Schritten nach vorne, lächle freundlich und lege los. Innerlich bebe und zittere ich. Seit gestern weiß ich: Niemand wird es merken. "Wie es tief in dir aussieht, geht niemanden etwas an", denke ich in Dauerschleife und merke, wie ich mich beim Sprechen langsam beruhige. Hier in der freien Wildbahn wird mir niemand sagen, dass ich das souverän gemacht habe. Aber ich sehe den Gesichtern an, dass es so ist. Nach dem Vortrag kommt eine Kollegin zu mir. "Kannst du mir nachher nochmal eine Mail schicken, um mich an den Termin morgen zu erinnern?" Ich staune. Warum soll ich versprechen, sie an ihre Termine zu erinnern? Noch vor drei Tagen hätte ich trotzdem ja gesagt. Jetzt ist das anders. "Nein", sage ich mit fester Stimme und gebe ihr ein Post-it. "Hier kannst du es dir aufschreiben." Ich sehe, dass sie damit nicht glücklich ist. Das ist mir aber egal. Denn ich bin es. Weil ich einfach mal nicht nett zu ihr, aber dafür umso netter zu mir selbst war.

Mehr Infos zum Coaching gibt es hier:

http://selbstbewusst-hamburg.de

 

 

 

Workshop-Leiterin Karin Frost-Wilcke
Foto: Dennis Mundkowski