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"Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt", sang schon Roland Kaiser. Diese Erfahrung musste auch Yvonne Kellner machen. Leider. Ihr Umzug in die Großstadt war begleitetet von Pech, Pannen und einem bis heute ungelösten Nachbarschaftsstreit.

In dem Moment, als sich das 35 Kilo schwere Kippfenster aus den Schanieren löste und in einem Stück auf meinen Rücken krachte, ahnte ich: „Irgendwie wird das wohl nichts mit dieser neuen Wohnung und mir“. Es war 8 Uhr morgens und ich wartete in der eisigen, leeren Wohnung auf den Elektriker, den beißenden Geruch frischer Farbe in der Nase. Nun also mit einem Fenster auf dem Rücken. Der Tischler, der noch am Nachmittag anrücken musste, wollte nicht glauben, dass mir von diesem "Fenstersturz" nur blaue Flecken blieben.

Überhaupt: Diese Wohnung war eine einzige Baustelle – und wir schienen vom Pech verfolgt zu werden. Beim Lackieren der Türen hatten mein Mann und ich uns beide gleichzeitig jeweils in Küche und Schlafzimmer eingesperrt. Für die Arbeiten demontierten wir im Vorfeld alle Türklinken. Leider knallten die Türen dann durch einen heftigen Windzug gleichzeitig zu – und niemand konnte dem jeweils anderen helfen.

Beim Anbringen eines Regals legten wir dann die Hälfte der Elektronik in der Wohnung lahm. Ergebnis: Mehrere Hundert Euro Kosten und ein großes neues Loch in der eigentlich frisch renovierten Wand. In der Küche entdeckten wir schließlich, dass die Abzugshaube nur filterte und dass die Wände rundherum deshalb so feucht waren, dass uns der Putz entgegenbröckelte. Von kaputten Steckdosen, reihenweise ausgefallenen Beleuchtungselementen, fehlenden Fußleisten und vom Vormieter verschwiegenen Schimmelstellen mal ganz zu schweigen.

Noble Wasserlage statt Problembezirk und trotzdem nur Ärger

Ja, das alles klingt nach einer Bruchbude irgendwo in einem Hochhaus eines Problembezirks. In Wahrheit sprechen wir aber von einer Wohnung in nobler Wasserlage und monatlicher Miete von 1400 Euro für rund 80 qm Wohnfläche. Doch nachdem die Wohnungssuche in dieser Großstadt bereits mehr als ein halbes Jahr unser Leben bestimmte, schlugen wir entkräftet zu, als wir uns endlich einmal gegen die große Konkurrenz durchsetzen konnten.

"Nur noch dieser eine Baustellen-Tag", sagten wir uns, dann hätten wir es endlich geschafft. Und so arbeiteten wir unter Hochdruck noch einen Samstag alle unsere To-Dos von der Liste. Wir besuchten ein allerletztes Mal Baumärkte und Ikea, schrubbten die übrigen Lackreste vom Boden, machten Platz im Keller für die Kisten, in denen Sachen waren, die wir einfach nicht zuordnen konnten. Und dann sollten wir ihn erleben: Den ersten freien Sonntag seit Wochen des Umzugsstresses!

Von wegen, jetzt ist der Stress vorbei

Sonntag, 09:08 Uhr. Das Handy vibrierte. Mein Mann war gerade schlaftrunken in die Küche getappst, um dem Hund zu füttern. Ich schob den Regler auf meinem Smartphone zur Seite und öffnete eine Nachricht auf meinem Handy.

„Hallo Frau Kellner, wir sind es langsam leid das Sie Stühle schieben und von A nach B trampeln und wir davon geweckt und und über den Tag gestört werden. Sie wohnen hier nicht alleine, also bemühen Sie sich ein wenig darauf zu achten nicht so unsozial zu agieren und es etwas ruhiger angehen zu lassen. Sie haben uns bereits die Ferien- uns Feiertage ruiniert, jetzt hätten wir aber auch ganz gerne wieder unsere Ruhe. Danke im voraus.“

 Uff, an dieser Nachricht war nicht nur die Interpunktion verstörend! Verschlafen tippe ich eine Antwort ein:

 „Hallo Frau Nachbarin, wenn Sie den Umzugslärm bis einschließlich Samstag meinen, können wir das nachvollziehen und möchten um Ihr Verständnis bitten. Hier sind jetzt auch alle Arbeiten verrichtet. Wenn Sie heute Morgen meinen, sollten wir uns einmal persönlich darüber unterhalten, welchen Lärm sie meinen, da wir das nicht nachvollziehen und somit auch nicht verhindern könnten. Wir hoffen dennoch auf eine gute Nachbarschaft! Herzliche Grüße“

Mit schlechtem Bauchgefühl verbrachten wir also den ersten freien Sonntag seit Langem damit, durch die Wohnung zu schleichen und unter jedes Möbelstück Filzstückchen zu kleben. Stühle, Wäscheständer, Vasen. Sogar der Hund sollte Söckchen tragen, wehrte sich aber. Und es blieb die unangenehme Frage: Woher hatten diese Leute eigentlich meine Telefonnummer? Wir waren uns doch noch nie begegnet!

Montagmorgen, 6:15 Uhr. Mein Mann war soeben aufgestanden und schmierte sich einen Toast in der Küche. Er hatte mich nicht geweckt und ich hatte bisher nichts gehört. Rein gar nichts. Bis mein Telefon mich abrupt aus den Träumen riss.

„Guten Morgen, schönes Beispiel der Lärm der uns wieder geweckt hat und die Nacht für uns beendet hat. Das ist ein altes Haus und schlecht verbaut, trotz allem hatten wir nie Probleme mit den vielen Nachbarn in Ihrer Wohnung und wohnen schon seit Jahren hier. Man hat nicht einmal die Familien gehört, einschließlich Babys. Sie sind einfach laut in allem was Sie tun. Wir hören alles, Ihre Gespräche, Toilettengänge, Teller, Fenster öffnen und schließen, wenn Sie Dinge auf den Boden fallen lassen, die Stühle schieben (hat uns bereits gestern morgen am Feiertag das letzte mal geweckt) und ihr äußerst energisches gehen. Jeder Schritt von Ihnen kommt hier unten doppelt an. Das nervt ungemein. Es ist ein Mietshaus, es wohnen eben auch andere hier und es ist eben kein eigenes Haus wo man sich schwungvoll und laut bewegen kann ohne andere zu stören. Versuchen Sie mal das zu Bedenken und sich etwas, wie bereits gesagt, ruhiger zu Verhalten. Wir möchten zumindest nicht mehr von Ihnen am Morgen geweckt werden und Abends nach der Arbeit an Ihrem Alltag teilnehmen. Vielen Dank und wir können selbstverständlich darüber persönlich sprechen wenn Ihnen das lieber ist.“

Hätten wir Partys gefeiert, nachts um Drei gesaugt, laut Karoke gesungen... ich hätte die Frau ja verstehen - und vor allem - ihr helfen können! Aber meine Art, energisch zu gehen? Teller zu benutzen? Fenster zu öffnen? Zu sprechen? DER TOILETTENGANG? Wie zur Hölle sollte ich leben und gleichzeitig diese Dinge vermeiden? Dennoch versuchte ich es mit Empathie. Es musste ja einen Grund für all dies geben. Also antwortete ich besonnen.

„Guten Morgen, ist es möglich, dass Sie aufgrund des Umzugs über das Wochenende und des Feiertags, was zugegebenermaßen sehr unglücklich, aber in diesem Fall nicht zu vermeiden war, übersensibel auf Geräusche von uns reagieren? Sicher werden wir uns bemühen, noch rücksichtsvoller zu sein, jedoch denke ich nicht, das man unterschiedlich laut eine Toilettenspülung betätigen könnte, weshalb sie diese wohl auch bei den Vormietern gehört haben müssten. Herzliche Grüße“

Doch sie meinte nicht die Spülung! Dieser Aspekt wurde auch in weiteren Nachrichten und in einem handschriftlichen, doppelseitigen Brief, den wir am Abend im Briefkasten fanden, mit besonderer Akribie hervor gehoben. Der Brief war auf englisch, vielleicht um perfekt auf eine zukünftige Verhandlung des Falls am internationalen Gerichtshof vorbereitet zu sein. Gereizt sei sie auch nicht, das Problem seien nur wir. Mir wurde plötzlich irgendwie übel. Ging es noch übergriffiger? Tagelang traute ich mich daraufhin kaum, das Bad zu betreten, weil ich mir vorstellte, wie unter mir zwei alte, griesgrämige Leute mit einem Glas an der Wand und dem Ohr am Glas auf Stühlen standen und jede meiner Lebensregungen aufsaugten – um all das Gehörte direkt in Abscheu zu verwandeln. Das schlechte Karma zog mich sprichwörtlich nach unten. Ich fühlte mich permanent wie auf dem Serviertablett.

Zur persönlichen Konfrontation ist niemand bereit

Ich erkundigte mich bei der Hausverwaltung, woher die lieben Nachbarn meine Telefonnummer haben konnten. Man wusste es nicht. Aber man versicherte mir, dass mir selbstverständlich alle aufgezählten Dinge zustünden – sogar der Toilettengang - mit Spülen. In einem alten Mietshaus, so sagte man mir, müsse man eben mit den Alltagsgeräuschen der anderen Mieter leben. „Suchen Sie doch einmal das persönliche Gespräch“, riet man mir, „wahrscheinlich wird sich das Bild schnell drehen, wenn man Sie einmal als Person erlebt“. Sehr alt seien unsere Nachbarn übrigens nicht, erfuhr ich, sondern genau wie wir, eher mitten im Leben stehend.

Am gleichen Abend stand ich also, wie ich es mir ohnenhin längst vorgenommen hatte, mit pochendem Herzen vor der Nachbarstür und klingelte. Niemand öffnete. Genauso wie an allen folgenden Tagen. Dafür stahl man uns kurz darauf die Joggingschuhe vor der Haustür. Und warf sie dann Tage später – wie als Warnung – vor unsere private Kellertür.

Das war der Moment, in dem ich dann endlich akzeptierte: „Irgendwie wird das wohl nichts mit diesen Nachbarn und mir“. Aber die Wohnung mag ich mittlerweile richtig gerne. Sie hatte mich gewarnt. Und wir hatten einfach nicht hören wollen.