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Lena Schindlers Vater ist Rentner und kennt keine Grenzen: Nichts ist ihm zu peinlich und fürchten tut er sich erst recht vor nichts. Während seine Tochter zu Hause zittert, stürzt er sich mit seiner neuen Freundin in Thailand in die schrägsten Abenteuer.

 

Mein Vater ist der Reinhold Messner der Unangepassten: extreme Höhen, tiefe Täler. Das Abenteuer findet ihn. Überall. Wie damals, als man ihn für den RAF-Terroristen Christian Klar hielt und das Krankenhaus, in dem er als junger Arzt arbeitete, von einem Einsatzkommando umstellt wurde. „Bin halt so“, sagt er, „seit 67 Jahren auf der Flucht vor Langeweile.“ Die glückt ihm spielerisch. Weil er jedem noch so schrägen Charakter ohne Argwohn begegnet, sich trotz schmächtiger Statur vor nichts fürchtet außer Riesenkraken – und voller kindlicher Begeisterung durchs Leben stolpert.

Darum versetzt mich die Ankündigung, mit seiner neuen Freundin drei Monate auf der Ladefläche eines Pick-ups ihre Heimat Thailand zu erkunden, in helle Panik. Vor der Abreise drücke ich ihn ganz fest, denn es könnte ein Abschied für immer sein. Wovor ich Angst habe? Vor den Szenarien, die bei einem weitherzigen 68er mit nachlassender Sehkraft und Hang zu Extremen möglich sind: Unfälle aller Art natürlich. Jemand mischt ihm auf einer „Full Moon Party“ irgendwas unter und er nimmt es in der Andamanensee mit Monsterkraken auf. Er wird Mönch und spendet seine gesamte Habe an Bedürftige. Oder er kommt gar nicht wieder, holt stattdessen die Lendenschurzphase nach, die seine Kumpels damals in Goa durchgemacht haben.

Zähne am Flughafen "abgelegt"

Dass mich die erste Hiobsnachricht Stunden nach seiner Ankunft erreicht, überrascht mich kaum: „Meine Zähne sind weg. Muss sie beim Zwischenstopp in Helsinki abgelegt haben. Rufst du beim Lost & Found an? Sag denen: A senior who uses to take his teeth out to frighten little children. Lenalein, bitte, ein letztes Mal noch!“, simst er mir. Die genauen Umstände des Gebissverlusts wage ich nicht zu rekonstruieren. Will der nette Finne vom Fundbüro auch gar nicht wissen, nur ob mein Vater seine Unterkieferprothese auf dem Rückweg abholen wird. Schade, dass ich bei der Übergabe nicht dabei sein kann.

AUF DEM BILD, das mich anstelle von Strandfotos erreicht, ist mein Vater im „High Berlin“-Shirt und umringt von Polizisten vorm Gefängniswagen zu sehen („Endlich hammse mich!“). Zum Glück nur eine Provokation. Dieser Urlaub entspricht so gar nicht den Vorstellungen einer besorgten Tochter, der vor lauter väterlichen Abenteuern gerade die Lust auf eigene vergangen ist. Neues Handymaterial zeigt ihn mit Mönchsfrisur und in der Tracht der Bergstämme. Arm in Arm mit einem anderen Zahnlosen im bauchfreien Top. Und die Meldungen überschlagen sich: Hexenschuss durch Herumwuchten von Kübeln mit Fisch, den er als Dank an die Schwiegereltern auf dem Markt verkauft. Angebrochene Rippe nach Massage. Frösche in Huhnformat frisch vom Rost. Exorzismus im Tempel. Voodoo-Rituale. Für die Enkel seiner Freundin ist er „Gangster-Opa“. Für mich endgültig durchgeknallt.

Sein Glück lässt mich nachts schlecht schlafen

Aber dabei so glücklich wie nie, sagt er. Gerade dieser Überschwang lässt mich nachts schlecht schlafen. Was kommt als Nächstes? Ich stelle mir vor, wie er zusammen mit dem Bauchfreien Space-Kekse isst und die Bühne einer Karaoke-Bude erklimmt. Zuzutrauen wär’s ihm jedenfalls … Dabei bin ich auch stolz auf ihn, weil er mit den Dorfkindern zur Schule geht, um Thai zu lernen, anstatt sich Land und Leuten nur bis zur Grenze eines All-inclusive-Resorts zu nähern. Während ich an meiner Steuer sitze, packt mein Vater das Leben mit beiden Händen. Und ich beneide ihn um seine Sorglosigkeit, die Gabe, für den Moment zu leben. Aber einer muss ja den Spießer machen, wenn der Senior freidreht. Die Risikobereitschaft sinkt, wenn man sich verantwortlich fühlt: für Kinder wie für einen entfesselten Vater. „Grandpa comes back, boarding and teeth completed“, schreibt er 24 Stunden vor der Heimreise. Nicht auszudenken, was bis dahin noch alles passieren kann!