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Ja, es ist wahr: Es gibt ganze Kongresse zum Thema "Robots, Love and Sex". Die ersten Sex-Roboter sind schon jetzt auf dem Markt und irgendwann könnten die kaum mehr zu unterscheiden sein von echten Menschen. Aber wollen ihn wirklich: Sex mit Robotern? 

Dienstagmorgen, 10 Uhr. Hatte kurz meinem Kaffee mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Redaktionsleitung, und ZACK war es passiert. Auf meinem Themenplan stand "Sex mit Robotern". Äh, bitte was? Sex mit Robotern? Ich setze mich ja wirklich gerne mit skurrilen Themen auseinander, aber – auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – Sex mit Robotern? Ernsthaft?

Zum Zeitpunkt meiner Empörung wusste ich noch nicht, wie interessant die Recherchen werden würden. Also jetzt nicht so, wie ihr denkt... Aber, das wirft doch wohl ne Menge Fragen auf. Ich meine, tragen Sex-Roboter überhaupt Armani-Parfum? Ich würde nie mit jemandem schlafen, der kein Armani-Parfum trägt. Und wie fühlt sich seine Haut an? Kalt wär kein Problem. Der Edward-Vampir zum Beispiel, der war ja kalt und trotzdem heiß. Also anders heiß halt. Aber nach Haut müsste es sich schon anfühlen, um sexy zu sein, oder? Nur drei von so vielen wirklich wichtigen Fragen... Ich beschloss, einen Experten anzurufen.

Sex mit künstlichen Wesen – Ein alter Menschheitstraum

Experten für Robotersex gibt es gar nicht mal so viele. Einer der bekanntesten ist der in der Schweiz lebende Maschinen- und Roboterethiker Oliver Bendel. Als Roboterethiker befasst man sich mit Fragen wie: Sollten Roboter Rechte haben? Hochinteressante Frage, denke ich. Erst recht, wenn es um Sex geht. Oliver Bendel findet Rechte für Roboter unnötig, weil Roboter nicht leiden können. "Nicht?", frage ich. Und schon sind der Professor und ich mitten im Thema. Ich erfahre, dass es erotische Phantasien, die sich auf künstliche Wesen beziehen, schon in der Antike gab. Pygmalion zum Beispiel erschuf sich laut Mythos eine Elfenbein-Statue und behandelte sie wie einen Menschen. Die Göttin der Liebe hatte schließlich Erbarmen und erweckte die Statue namens Galatea zum Leben. Nur eine von vielen Geschichten. Aber warum ist ein künstlich erschaffenes Wesen so sexy? "Allmachtsphantasien", vermutet Oliver Bendel. "Und auf Objekte muss man im Gegensatz zu Subjekten keine Rücksicht nehmen. Auch das könnte ein Grund sein." 

Wie weit ist die Forschung?

Ich will wissen, wie weit wir vom künstlichen Partner entfernt sind und was überhaupt der Unterschied zu klassischen Sextoys ist. Viele Vibratoren zum Beispiel sind ja auch dem menschlichen Körper nachempfunden und sind elektronisch betrieben. "Ja, das stimmt schon, aber da geht es ja nur um ein Körperteil. Humanoide Roboter hingegen sind dem Mensch in seiner Komplexität nachempfunden. Man könnte sagen, dass sie die erweiterte Form von Sexspielzeug sind. Mit Vor- und Nachteilen." Gut, die Vorteile liegen auf der Hand. Für sexuelle Zwecke programmierte Roboter haben zum Beispiel meist die Fähigkeit, zu sprechen. Und etwas vielseitiger ist der Sex mit ihnen sicher auch. Bei den Nachteilen fällt mir auch so einiges ein. Zum Beispiel, dass diese Vorstellung total gruselig ist und mir eine Heidenangst macht. "Und versuchen Sie mal, einen lebensgroßen Roboter in der Sockenschublade zu verstecken", ergänzt Oliver Bendel. Oh ja, noch gar nicht dran gedacht. "Außerdem stecken die Roboter, die momentan auf dem Markt sind, noch in den Kinderschuhen." Er erklärt mir, dass intensiv geforscht wird an synthetisch hergestellten hautähnlichen Substanzen, synthetischen Gerüchen und künstlichem Stimmklang. Bei letztem Punkt ist die Forschung wohl sogar schon sehr weit. "Ein Fachmann bräuchte nur eine zwanzigminütige Aufzeichnung Ihrer Stimme und könnte sie danach einem Roboter schenken. Er könnte sie dann auch ganz erotisch sprechen lassen, also je nach Bedarf höher, tiefer, weicher oder härter machen." Mir wird übel. Meint er das ernst? Er meint es ernst. "Und um ihre Frage zu beantworten: Theoretisch kann man auch schon jetzt Sex mit einem Roboter haben", sagt Oliver Bendel. "Doch aktuell ist so ein Roboter noch ein Produkt, für das man recht spezielle Vorlieben haben muss. Eigentlich ist der Sexualtrieb ein biologischer Trieb und der richtet sich ganz klar auf Biologie. Im Normalfall."

Roboter können auch flirten

Deshalb glaubt Oliver Bendel auch nicht daran, dass sich in den nächsten Jahren oder auch Jahrzehnten der Roboter als Sexualpartner durchsetzen wird. "Auch weil zu Sex ja so viel mehr gehört als ein Körper", erklärt er. Ich denke über seinen Einwand nach und finde ihn sehr logisch. Sex ist ja im Grunde einfach Teil eines Spiels. Dazu gehört das Erobern oder auch, sich geschätzt und attraktiv zu fühlen, oder? "Stimmt schon", findet auch Oliver Bendel. "Aber das Spiel, das Erobern, die Unsicherheit, das könnte man im Grunde schon irgendwie programmieren."  Langsam beunruhigt mich die Vorstellung von Sexrobotern wirklich. Flirten wir bald echt mit Robotern, um danach eventuell – falls wir uns gut angestellt haben und ihr programmierter Typ sind  – Sex mit ihnen haben zu dürfen? Und bin ich bald uninteressant für die Herren der Schöpfung, weil die Roboterdamen einfach perfekter sind als ich? "Nein", beruhigt mich mein Gesprächspartner. "Es gibt Grenzen der Künstlichkeit. Ich glaube zum Beispiel nicht daran, dass Leidens- oder Empfindungsfähigkeit künstlich herstellbar sind." Ich weiß noch nicht, ob das ein Trost ist. So ein Mann ohne Leidensfähigkeit und Männergrippe scheint mir persönlich durchaus nicht unattraktiv. Und auch mein Mann hätte sicher nichts dagegen, wenn ich nie wieder wegen irgendeinem Quatsch heulen würde.

In 100 Jahren werden Roboter kaum mehr zu erkennen sein

Ich frage nach, wie die Sache in 100 Jahren aussehen wird. "Anders", sagt der Experte. "Wenn alles Menschliche, also Haut, Stimme, Geruch, Persönlichkeit und all das perfekt imitiert werden kann, dann könnte es durchaus sein, dass der Sexroboter zum Massenphänomen und salonfähig wird. Und dann müssen wir uns viele Gedanken zum Thema Ethik machen." Sich jetzt wegen der Zukunft verrückt zu machen, kann Oliver Bendel nicht verstehen. "Ja, man kann biologische Reize simulieren. Und ja, es gibt bereits Sexroboter. Aber die meisten von uns werden sich davon in den nächsten Jahrzehnten nicht angezogen fühlen. Menschen mögen echte Haut, kein Plastik mit Gel drunter. Und einen Partner mit echten Empfindungen." Ich nicke heftig. Da hat er recht. Ich kneife mir einmal in meine echte Haut und freue mich über den kleinen Schmerz. Der ist es ja wohl, der uns noch lange davor schützen wird, ein Auslaufmodell zu sein. Niemals wird ein Roboter "Love hurts" singen können und es so meinen. Das tröstet mich. Denn was wäre die Liebe, wenn sie nicht manchmal ein bisschen piksen würde?

Oliver Bendel

Oliver Bendel lehrt und forscht als Professor an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, mit den Schwerpunkten E-Learning, Wissensmanagement, Wirtschaftsethik, Informationsethik und Maschinenethik. Und manchmal beantwortet er auch Fragen neugieriger Redakteure.