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Er will weder Hochzeit noch Kinder. Schon gar keine Liebe. Was er sucht, sind One-Night-Stands und kleine Affären. Unser Autor rät jeder Frau zum Mut zur Lücke. Auch bei der Partnerwahl. Wenigstens so ein-, zweimal...

Sie lässt sich Feuer geben und berührt dabei meine Hand. Sie sagt: „Irgendwie bin ich noch gar nicht müde.“ Wir sehen uns einen Moment zu lange an: Die üblichen Schlüsselreize in der Anbahnungsphase interessieren mich erst in zweiter Reihe. Für mich wird es interessant, wenn über die Beziehungsvergangenheit und vor allem über deren Zukunft gesprochen wird. „Ich muss jetzt erst mal den Kopf frei kriegen.“ – „Von der großen Liebe habe ich erst mal die Nase voll.“ – „Feste Beziehung? Besten Dank, in ein paar Jahren vielleicht wieder.“ Wenn solche oder ähnliche Sätze fallen, bin ich total bei der Sache. Erstens, weil es keine besseren Anbahnungsgespräche gibt als Beziehungen, vor allem gescheiterte. Da ist man im Prinzip schon beim Thema, und die verflossenen Männer schneiden in der Regel nicht besonders gut ab, da kann ich im direkten Vergleich eigentlich nur bella figura machen. Zumal ich tatsächlich ein guter Zuhörer bin, einer, der aufrichtig interessiert nachfragt, mit dem man sich – über dieses Thema – echt gut unterhalten kann.

Der Mann für Zwischendurch

Zweitens bin ich jetzt hart am Ball, weil mir solche Aussagen signalisieren: hohe Affärenbereitschaft, meinetwegen auch Interimsbeziehung, keinesfalls aber gemeinsame Lebensplanung bis zum bitteren Ende. Drittens ist gleich klar, dass man nicht dahingehend ausgecheckt wird, ob man die perfekte Mischung aus verwegenem Lover und verantwortungsvollem Familienvater ist. Das macht alles entspannter, unkomplizierter. Ich traue mich dann mehr. „Lass uns zu Hause weiterquatschen.“ Der Satz geht mir im Ernstfall nicht so ruhig von den Lippen. „Was dagegen, wenn ich jetzt versuche, dich zu küssen?“ Kein einsamer Gipfel rhetorischer Verführungskunst, ich weiß, aber man wird doch mal höflich fragen dürfen, oder? Das hört sich jetzt in der Summe wenig romantisch an, wahrscheinlich sogar ein wenig zynisch, kalkulierend. Ist es aber nicht. Tatsächlich fühle ich mich in solchen Situationen einfach gut und sehr wohl. Und ich glaube, dass ich das auch ausstrahle. Ich bin heiter, ausgelassen und unterhalte mich gern – ich muss nicht performen, ich muss keine Angst haben, mit einem falschen Wort vielleicht alles zu zerstören. „Es ist übrigens total schön mit dir“ – den Satz habe ich schon ein paar Mal an solchen Abenden gehört, und ich habe schon ein paar Mal geantwortet: „Könnte an dir liegen.“ Auch nicht rasend raffiniert, ich weiß. Aber es ist wahr. Dass ich ein wenig dazu beitragen kann, das Ego einer Frau aufzupimpen, tut gut. Auch meinem Ego. Ein Deal auf Augenhöhe, hätte ich jetzt beinahe gesagt, aber das klingt wieder so abgebrüht. Ein Mann, eine Frau, die einander gerade sehr guttun, sich viel zu erzählen haben, die gleich vielleicht bis ziemlich wahrscheinlich Sex miteinander haben werden. Das kribbelt schon ganz schön im Bauch, aber man bleibt eben noch bei Sinnen.

Erfreuliche Premierennächte

Was sich übrigens durchaus positiv und gewinnbringend auf eben jenen Sex auswirken kann. Der ist in der ersten Nacht einer großen Liebe nicht besonders berühmt, zu sehr sind die beiden emotional mit der Sensation der großen, innigen Verschmelzung besetzt, um wirklich guten Sex zu haben. Ich dagegen habe als Lückenbüßer wirklich höchst erfreuliche Premierennächte erlebt, in der beide ganz beim Thema waren, sehr konzentriert und kreativ. Oder, salopp gesagt: Etwas versauter oder härter zu sein, was ja bei gegenseitigem Einverständnis viel Spaß machen kann, fällt einfach leichter, wenn man nicht mit der Liebe seines Lebens im Bett liegt. Sondern vielleicht neben jemandem, der es der großen Liebe seines Lebens heimzahlen will. Betrogen oder verlassen wurde und jemanden sucht, der verwegen oder erotisch genug ist, um diese Rechnung zu begleichen. Dies zu wissen kann sexuell gesehen durchaus Spaß machen. Ich versinke nicht in einem Ozean aus nie gekannten Gefühlen, sondern betrachte die Situation wie ein Beobachter: Okay, du liegst jetzt neben ihr, und sie will es mit dir tun, damit sie am nächsten Tag weniger gekränkt und gedemütigt, sondern mit gestärktem Selbstbewusstsein den neuen Tag beginnt. Das hört sich gönnerhaft an, ist aber überhaupt nicht so gemeint, im Gegenteil: Ich kann mich ziemlich ungestört um meine eigene Lust kümmern, der positive Ego-Effekt meiner Dienstleistung hängt nicht davon ab, ob und wie oft sie kommt, sondern dass wir es getan haben. Gut, die Nachbereitung fällt weniger ekstatisch aus, man bekommt am nächsten Tag eher, wie soll ich mal sagen, eine „fröhliche“ SMS, so in der Art „Hey, war total schön mit dir, geht’s dir auch so gut wie mir?“.

Unebenheiten in der Kommunikation

Und man schreibt zurück: „Ja!!! War irre schön mit dir.“ Jetzt müsste vielleicht doch noch mal was anderes kommen, Daumen und Zeigefinger wandern unschlüssig über die Tastatur. Die Temperatur muss stimmen. Nicht zu euphorisch, aber auch nicht zu kühl. „Und ich würde dich total gern wiedersehen.“ Leider gibt es an dieser Stelle immer mal wieder Unebenheiten in der Kommunikation. Ich meine „total gern“. Das trifft es eigentlich ganz gut. Und ich verstehe darunter, dass ich sie wiedersehen möchte, aber auch noch an andere Dinge denken kann. Sie interpretiert „total gern“ eventuell als „Ich denke nur noch an dich und kann es kaum erwarten!“. Ich merke das meistens an der Frequenz ihrer SMS. Verspüre die Dringlichkeit, obwohl sie natürlich versucht, ganz lässig zu bleiben. Aber sie ist an einen Profi geraten. Mich. Bei dieser Variante also ist der weitere Verlauf einer Lückenbüßer-Beziehung ziemlich absehbar. Sie will mehr als Lücke – ich nicht. Da muss man rechtzeitig die Reißleine ziehen.

Ansonsten ist die weitere Abfolge einer „richtigen“ Beziehung übrigens gar nicht mal so unähnlich, es geht alles nur viel schneller. Schon am dritten, vierten Abend wird nur noch bis zwölf, halb eins geredet, bis es zum Sex kommt, der erste gemeinsame „Tatort“ wird schon nach zwei bis drei Wochen angesehen („Du, ich bin total platt, ich gehe heute nirgendwo mehr hin.“ – „Geht mir genauso.“). Aber, und das soll an dieser Stelle natürlich nicht verheimlicht werden, so ganz easy, geschmeidig und „total“ einvernehmlich geht man dann nicht immer wieder auseinander.

„Du bist so ein Arsch“, verbunden mit einem satten Stiefeltritt gegen meine Lieblingsgitarre – das war das gar nicht tolle Ende einer Affäre. Ich weiß nicht mehr genau, was vorgefallen war, und noch schlimmer: Ich hatte nicht mal gemerkt, dass sich ihre Gefühle mir gegenüber gedreht hatten, ich hatte dafür noch nicht einmal eine Kategorie, war ja nur der Lückenbüßer.

Irgendwann kam alles anders

Eine schöne verlassene Frau, ein entspannter Abend, ich spulte wieder mein übliches Programm ab und wähnte mich auf sicherem Terrain. Wir hatten danach ein paar sensationelle Monate, die ich bestmöglich füllte. Bis sie sich ziemlich plötzlich entschieden hatte, dass ihr Ex doch der Junge auf dem weißen Pferd ist. Wogegen ich im Prinzip nichts einzuwenden hatte, aber der Zeitpunkt, fand ich, war „total“ falsch. So falsch, dass ich ein halbes Jahr lang im Prinzip damit verbracht habe, zu Hause zu sitzen und den Teppichboden anzustarren. Völliger Blödsinn, ich hatte mich verliebt. Und das war der erste Knick in meiner puppenlustigen, tiefenentspannten und total unkomplizierten Lückenbüßer-Karriere. Diese erste Phase dauerte etwa sieben Jahre, und ich möchte keines davon in meinem Leben missen, es war alles so, wie ich es beschrieben habe, und es war alles gut so. Aber irgendwann fühlte sich die heitere Unverbindlichkeit an wie ein hohler Zahn. Irgendwann wurden die Gesprächsverläufe so vorhersagbar, dass man den nächsten Text mitsprechen konnte: „Und ich dachte echt, das wäre was für immer.“ – „Brutal, wenn so ein Lebenstraum zerplatzt, oder?“ – „Brutal.“ Und beim Sex ertappt man sich immer häufiger dabei, nicht wirklich bei der Sache zu sein, und denkt: „Was mache ich hier eigentlich?“ Das wirklich Gute an so einer ausgedehnten Phase als Lückenbüßer ist, dass man hinterher den Unterschied zur Liebe erkennt, wenn man sich darauf einlässt. Pulsrasen, Stottern, Stammeln, Zweifeln, Hoffen, Träumen, schier ohnmächtig werden. Muss ich nicht weiter erklären. Auch nicht, dass es im Ernstfall immer mal wieder ziemlich anstrengend werden kann. Ist halt im Preis mit inbegriffen.

Aber halt! Dieser Text bekommt kein romantisches, versöhnliches Ende. Hören Sie auf, von Männern zu träumen, die sich dann doch noch bekehren lassen. Ja, ja, ich sehe es schon, wie Sie selig lächeln! Denn wenn es mal wieder richtig nervig wird, sehnt man sich doch nach den unbeschwerten Tagen der Lückenbüßer-Phase zurück. Nach Freiheit und ersten Malen. Nach dem Gefühl, dass alles offen ist – und immer bleiben wird. Und dann weiß ich ganz genau, dass sie wiederkommen wird. Die Phase. Die Frau dafür. Der Moment, in dem ich sage: „Lass uns zu Hause weiterquatschen."