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Ist nicht immer einfach, zum eigenen Körper zu stehen. Oder zu anderen. So ein Nacktstrand wird da schnell zum Härtetest, findet unser Kolumnist

Das nackte Entsetzen. Ich kann es in euren Augen sehen. Eure Blicke ziehen mich aus. FKK – wenn Kleidung zur Erregung öffentlichen Ärgernisses führt. Wer in eurem Revier eine Badehose trägt, ist entweder verklemmt oder ein Spanner. Oder beides. Ein verklemmter Spanner. Dabei wollte ich nur kurz baden …

Euer Strand, eure Regeln. Also Hose runter, Puls hoch. Aber: Kaum sieht der kleine Mann die große Welt, bin ich euch auch schon wieder egal. Blitz-Assimilierung. Wurde ins Kollektiv aufgenommen, eingegliedert in eine Fleischtheke, bei der das Mindesthaltbarkeitsdatum egal ist. Ihr traut euch was. Nackt Volleyball spielen zum Beispiel oder Rad fahren, und am Kiosk für ’ne Wurst anstehen. Muss man mögen. Ich mag’s nicht. Bleibe trotzdem. Denn peinlicher, als ohne Badehose rumzulaufen, ist es, mit Badehose den Schwanz einzuziehen.

Nackt sind alle gleich? Am Arsch! Und nicht mal da. Die Mittagssonne verbrennt mir den Hintern. Hätte ich eincremen sollen? Ja, genau. Sehe mit den leuchtenden Pobacken aus wie ein aufgegeilter Pavian, empfinde aber vorrangig ein Gefühl, das Affen gar nicht kennen: Genitalscham. Anders ausgedrückt: Finde meinen Penis zu klein, wenn ich einen größeren sehe. Liege also die meiste Zeit auf meinem Bauch und schäme mich.

Nacktheit – eine radikale Körpersprache. Vor allem von hinten.

Sogar meine Scham schämt sich. Für mich. Für euch – für alles, das ungeniert im Wind flattert. Allen voran: grüne Bändchen und Zipfelmützen. Schlupp-schlupp-schlupp. Schlimmer wird es nur, wenn Dinge runterfallen: Federbälle, Frisbees, Handtücher. Frauen gehen dann in die Knie, Männer aber klappen um wie Schrotflinten. Dann scheint die Sonne nicht nur am Himmel. Nacktheit – eine radikale Körpersprache. Vor allem von hinten.

Kann nicht wegschauen. Wie im Zoo, wenn Schildkröten kopulieren. Guckst du hin, ob du willst oder nicht. Manchmal will ich sogar. Soll mir mal einer erzählen, einer schönen Fremden nicht auf die blanken Brüste schauen zu wollen. Oder ihren Po. Und ihren Schritt. Hitzeschwall! Auch dafür läuft mein Kopf rot an. Liegt in unserer Natur, die Scham. Sie sorgt dafür, dass wir nicht ständig an Sex denken, wenn entblößte Geschlechtsteile zu sehen sind. Sonst würde die Begierde von allem ablenken. Im Grunde hat Scham den Zivilisationsprozess überhaupt erst möglich gemacht. Ist doch beruhigend – wie After-Sun auf dem verbrannten Sitzfleisch eines verklemmten Spanners.