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Die Amerikanerin Molly Schuyler ist die beste Wettesserin der Welt. Eine zierliche Frau, die sich, nun ja: durchbeißt

Molly Schuylers Arme haben eher Spaghetti- als Makkaroni-Stärke. Man hat fast Sorge, sie könnte gleich zusammenklappen – wäre da nicht dieser Stapel Pumpkin Pie vor ihr. Schuyler isst bei der Arbeit. Während ihre meist dicken männlichen Mitstreiter rot anlaufen, sich über die verschwitzte Stirn fahren und ziemlich verbissen wirken, ist sie beim Wettessen auf eine lässige Art unangestrengt. Sie ist fokussiert. Schaut nicht auf andere. Beißt mehrmals ab. Schluckt. Trinkt ein wenig Wasser. Beißt mehrmals ab. Schluckt. Trinkt ein wenig Wasser – ein monotoner Rhythmus. Es ist beinahe meditativ, ihr zuzuschauen, wenn man mal über den ersten Ekel hinweg ist. In zehn Minuten wird sie 48 Pie-Stücke verdrückt haben, 7,6 Kilo, ein neuer Weltrekord, den sie da im Herbst 2017 im freihändigen Kürbiskuchenessen in Clarence, New York, aufstellt. Ihr Gewinn: 1500 Dollar. Die 1,70 Meter große, 53,5 Kilo zarte US-Amerikanerin ist gefürchtet als beste Wettesserin überhaupt. Wie bitte macht dieser Strich in der Landschaft das?

Molly Schuyler, die größte Binge-Eaterin

21 Uhr in Kalifornien, Schuyler hatte nur einen Kaffee zum Abendbrot, die vier Kinder (9, 10, 11 und 14 Jahre) sind im Bett, obiger Sieg ist längst verdaut. Ihre Arme und Beine zieren Tattoos, Nase und Ohren stecken voller Heavy Metal. Die Haare hat sie an den Seiten abrasiert, den Rest zum Zopf nach hinten gebunden. „Ehrlich gesagt: Ich bin ziemlich schüchtern und introvertiert“, sagt sie. Denkt man gar nicht, wenn sie auf einer Rakete reitend vor 20 000 grölenden Leuten in eine Arena einzieht, um kurz darauf bergeweise Fleisch in sich hineinzustopfen. Man erahnt es höchstens, in ihren zurückhaltenden Gesten, in der Tatsache, dass sie sich keinen „Kampfnamen“ zugelegt hat, wie Kollegen namens „Notorious B.O.B“ Bob Shoudt oder Sonya „Black Widow“ Thomas. Sie ist schlicht Molly Schuyler, die größte Binge-Eaterin.

Ihre Technik ist simpel: „Nicht kauen, sondern große Brocken schlucken. Das spart Zeit.“ Ihre Technik ist auch: gefährlich. 2017 sind in den USA zwei Menschen nach einem  Wettessen erstickt. „Natürlich ist mir das Risiko bewusst“, sagt sie, „aber die beiden waren Amateure. Sie wussten nicht, was sie tun.“ Sie sagt das nüchtern, analysierend. Sie weiß, was sie tut – sich zum Beispiel gut vorbereiten. Mit Wasser. Schon als Kind habe sie täglich knapp acht Liter hinuntergekippt. Heute schüttet sie alle paar Tage sechs bis zehn Liter Wasser in unter zehn Minuten in sich hinein. „Das dehnt den Magen. Es ist wie vor einem Rennen. Bevor du losläufst, stretchst du dich, du kannst nicht einfach so lossprinten.“ Praktisch auch, dass sie „für gewöhnlich keinen Würgereflex“ hat und eine gute Atemtechnik und Hand-Mund-Koordination. „Wenn du ein nervöses Wrack bist und deine Hände zu sehr herumwandern, bist du verloren“, sagt sie. Und dann ist da noch der Rhythmus, den sie jedes Mal neu finden müsse. „Das dauert manchmal, aber sobald man ihn für das jeweilige Essen entdeckt hat, läuft es fast automatisch.“ Nur hinterher sei sie „immer sehr müde, ich brauche ein bis zwei Tage zum Erholen“. Ihr Bauch sieht dann aus, als sei sie im fünften Monat schwanger. Absurd, dass so eine zarte Person diese Unmengen an Essen in sich behält. Wahrscheinlich spuckt sie backstage alles wieder aus? „Nee!“, sagt sie beinahe empört. Nur wenn’s sehr scharf war (gut ein Kilo Diablo Burrito), gehe es eben nicht anders.

Willensstärke ist das Wichtigste

Sport macht sie übrigens keinen: „Meine vier Kinder halten mich schon genug auf Trab.“ Alle drei bis sechs Monate geht sie zum Arzt. „Neulich meinte er, meine Cholesterinwerte seien die besten, die er je gesehen hätte.“ Vielleicht ist es in dem Business von Vorteil, dünn zu sein, mehr Raum zum Expandieren. Vielleicht hindert zu viel Bauchfett den Magen daran, sich auszudehnen. Das sagt zumindest die „Belt of Fat“-Theorie. Schuyler sagt: „Willensstärke ist das Wichtigste.“

Mit dem Willen fing es ja auch an, 2012: Als jemand sie in einem Burgerladen herausfordert, sie würde den über zwei Kilo schweren Burger mit Fritten eh nicht schaffen, beweist sie das Gegenteil – in 15 Minuten. Später kehrt sie zurück und verspeist den Fleischklops in drei Minuten. „Beim ersten Mal waren meine Kids dabei, da wollte ich nicht so schlingen.“ Keine Spur Ironie in ihrer Stimme. Schuyler, die ihre Kinder von den Wettbewerben fernhält, legt Wert auf Tischmanieren. Fast Food und Süßes kommt bei ihr privat selten auf den Tisch, sie liebt Salat und Gemüse, kocht täglich für die Kids und ihren Mann, einen Air-Force-Soldaten.

Nachdem ihr der Burgerauftritt viel Beifall eingebracht hat, tritt sie 2013 zum ersten Profiessen an und bekommt für zwei Wettbewerbe 800 Dollar. „Ich dachte, hey, damit lässt sich gutes Geld verdienen.“ Zuvor hatte Schuyler als Kellnerin gearbeitet, für rund zwei Dollar die Stunde. Ein anderer Vorteil: die flexiblen Arbeitszeiten als Wettesserin. Die Wettbewerbe finden meist am Wochenende statt, Hotel und Flug zahlen in der Regel die Veranstalter, manchmal gibt es Antrittsgeld. „Zwischen 100 Dollar und einem sechsstelligen Betrag pro Jahr ist alles drin. Es hängt davon ab, wie gut du bist.“ Und sie isst gut.

2014 gewinnt sie ihren ersten Wing Bowl in Philadelphia, das Top-Event in der Szene. Für die 363 Chicken Wings, die sie morgens um 6 Uhr in einer halben Stunde in sich hineinstopft, erhält sie 22 000 Dollar. 2016 gewinnt sie wieder. 2017 dürfen Exgewinner nicht teilnehmen, dafür gibt es ein fünfminütiges „Wing Off“-Duell zwischen ihr und einem anderen Champion, das sie mit 95 Wings für sich entscheidet. 15 bis 20 Wettessen bestreitet sie pro Jahr, manchmal in einem Schnellrestaurant irgendwo im Nirgendwo, manchmal auf Dorffesten oder in ausverkauften Stadien. Es gibt kaum etwas, das sie nicht schneller als andere in sich hineinschaufelt. Gebratene Pilze. Literweise PhoSuppe. Hotdogs. Lediglich Austern hasst sie. „Und frittierte Schweinehirne brauche ich auch nicht noch einmal.“ Die gab’s bei einem Zombie-Contest auf Coney Island, den sie, klar, auch gewann: 2,5 Kilo Hirn in acht Minuten.

Oft wird Schuyler wegen ihrer zierlichen Figur belächelt

Nur zum legendären Nathan’s-Hotdog-Essen auf Coney Island, das es schon seit 1916 geben soll, kann sie nicht antreten. Das jährlich am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag der USA, stattfindende Event wird sogar im TV übertragen und von der Major League Eating (MLE) veranstaltet. Schuyler hat jedoch bei All Pro Eating unterschrieben. „Ich wollte einen Vertrag, der mir Freiheiten lässt und weniger fordernd ist, um mehr Familienzeit zu haben.“ Ein anderer Unterschied ist der Stil: Während in der MLE das Essen im „Freestyle“ bis zur Unkenntlichkeit zerfleddert und eingeweicht werden darf, ist das bei All Pro Eating verboten. Denn hier wird der „Picnic Style“ gepflegt – ein würdevoller Umgang für Essen und Esser. Sofern man bei der Völlerei von Würde sprechen kann.

Sicher ist das ein Grund, warum sie so wenige weibliche Kollegen hat. „Viele Frauen wollen sich nicht schmutzig machen und mit Essensresten im Gesicht auftreten“, sagt Schuyler, die oft wegen ihrer Statur belächelt wird. Eine ihrer besten Freundinnen, Wettesserin Miki Sudo, hat sie in der Szene kennengelernt. „Jeder kennt jeden, es ist eine entspannte Atmosphäre – bis man am Tisch steht und der Wettbewerb beginnt.“

Dass sie dort nicht ewig stehen wird und mit dem Essen ihre Familie ernähren kann, ist ihr klar. Plan B: „Vielleicht werde ich Tierärztin.“ Was sich wie der Traum eines kleinen Mädchens anhört, ist ihr voller Ernst. Aber noch Zukunftsmusik – man soll den Mund ja schließlich nicht zu voll nehmen.