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Sie schnürt sich Korsagen und trägt roten Lippenstift. Jennifer Sonntag liebt Gothic und auffällige Kombinationen – dabei kann sie ihren Style nie im Spiegel anschauen. Jennifer ist blind.

Ohne extravaganten Schmuck oder ein Kleidungsstück, mit dem ich eine Geschichte verbinde, würde ich nicht das Haus verlassen. Früher war ich Punk, heute gehöre ich zur Gothic-Szene. Ich betone gern meine Taille, trage blutroten Lippenstift und helle Foundation, um meinen Schneewittchentyp zu unterstreichen. Ich schnüre mir zwar nicht jeden Tag eine Korsage, aber ich versuche immer, ein Teil zu kombinieren, das sich von der Masse abhebt. Würde ich mich „normal“ kleiden, hätte ich das Gefühl, dass ich im Mainstream untergehe.

Manche Leute wundern sich, weil sie glauben, einer blinden Frau müsste es egal sein, wie sie aussieht. Aber stellen Sie sich vor, Sie wären morgen blind, würden Sie sich dann nicht mehr um Ihre Frisur kümmern? Ihren Style nicht mehr leben? Aufhören, Schmuck und Klamotten zu tragen, die Sie vorher gut fanden? Ich bin erst mit 20 Jahren durch eine Krankheit erblindet, ich weiß also, wie wichtig der erste optische Eindruck ist. Man wählt seine Kleidung aus und benutzt Nagellack oder Lippenstift ja nicht nur für sich, sondern auch für andere.

„Nude“ stelle ich mir sehr komisch vor

Im Gegensatz zu geburtsblinden Menschen, die sich Farben assoziativ vorstellen, habe ich optische Erinnerungen daran, was Farben sind. Trotzdem habe ich manchmal Schwierigkeiten, mich reinzudenken, wenn es um neue Farbbezeichnungen wie „Taupe“ oder „Ecru“ geht. Auch „Nude“ stelle ich mir sehr komisch vor, weil mir Freunde gesagt haben, dass es aussieht, als hätte eine Frau keine Hose an, wenn sie mit nudefarbenen Leggings herumläuft. Meine Lieblingsfarben sind Schwarz und Bordeauxrot. Ich trage fast ausschließlich diese beiden Farben – das macht es für mich auch leicht, passende Kombinationen auszuwählen.

In meinem Kleiderschrank herrscht strickte Ordnung, da darf niemand dazwischenpfuschen. Röcke folgen auf Kleider, dann kommen Oberteile. Ich hänge vieles auf, damit ich nicht in Stapeln herumwühlen muss. Ich fühle nach Krägen, Rüschen und Knöpfen, manchmal benutze ich ein Farberkennungsgerät. Das hält man einfach an den Stoff, und es nennt mir die Farbe – inzwischen gibt es sogar eine App dafür. Mir passieren aber auch Fehlgriffe. Ich habe das gleiche Kleid in Rot und in Schwarz, und das habe ich auch schon mal vertauscht. An dem Tag habe ich mich die ganze Zeit total „Rot“ gefühlt, obwohl ich eigentlich unauffällig war. Ein anderes Mal hatte ich versehentlich das rote Kleid an und dachte, ich sei neutral in Schwarz unterwegs, bis einer sagte: „Oh, heute in Rot!“ Ich habe auch schon einmal eine Leopardenstrumpfhose mit einer schwarzen verwechselt, und ein Kollege meinte: „Eine aufregende Strumpfhose hast du da an!“ Da dachte ich: „Was ist denn mit dem los?“

High Heels trage ich nur im Sitzen

Aktuelle Trends sind mir nicht so wichtig, weil ich meinen eigenen Stil habe. Ich besitze Gamaschen, Petticoatkleider und auch Korsagen, die mir Designer angefertigt haben. Für eine Korsage habe ich in einem Laden verschiedene Materialien befühlt. Ich mag besonders matte, seidene Stoffe mit feinen Applikationen drauf, weil ich da gern mit meinen Fingern drüberstreiche. Highheels trage ich nur im Sitzen, meistens, wenn ich meine Sendung moderiere. Laufen kann ich mit hohen Schuhen nicht, ich brauche den Tastkontakt zum Untergrund. Auch Sachen, mit denen man hängen bleiben kann, sind problematisch. Früher, wenn ich Outfits aus der Gruftiszene anhatte, bin ich schon mal in einer Dornenhecke hängen geblieben oder im Suppenteller gelandet. Solche Kleidungsstücke habe ich mir abgewöhnt.

Ab und zu bin ich traurig, dass ich mir keine Kombination bei anderen abgucken kann. Es ist schon anstrengend, immer alles nur in meinem Kopf zusammenzustellen. Am liebsten kaufe ich in kleineren Boutiquen oder auf Fantasymärkten ein, weil man dort intensiver beraten wird. Onlineshopping bringt mir nicht viel, weil es da wenig Bilderläuterungen und Detailbeschreibungen gibt. Meistens bestelle ich nur, wenn ich ein Teil schon kenne, weil ich es vorher bei einer Freundin ausgeliehen und gefühlt habe. Mein kleines schmutziges Geheimnis ist Teleshopping. Da werden die Klamotten nämlich oft detailliert beschrieben.

Ich lasse meine Fingernägel im Nagelstudio in Schuss halten, weil ich weiß, dass man bei blinden Menschen immer sehr auf die Hände achtet. Blinde sind nun mal sehr aktiv mit ihren Händen – denn sie ersetzen die Augen. Selbst lackieren kann ich meine Nägel nicht, man weiß nie, ob man drübermalt.

Es gibt top gestylte Leute, die sich benehmen wie eine bekleckerte Jogginghose

Schminken kann ich mich selber, für blinde Frauen ist vieles anwendbar, manches muss nur etwas modifiziert werden. Als Sehende bewegt man beispielsweise die Hand mit dem Mascarabürstchen auf und ab, als Blinde muss man sie ganz still halten und die Farbe „abzwinkern“, damit man sich nichts aufs Lid schmiert. Und beim Auftragen von Make-up gibt es bestimmte Massagevorgänge, um keinen Gesichtsbereich zu vergessen. Beim Rouge muss man die Pinselstriche abzählen, Lippenstift trägt man vorsichtig von der Mitte zu den Mundwinkeln auf. Nützlich ist auch dieses Schmink Ei. Das ist meine Sicherheitsrunde zum Schluss, weil es überschüssiges Make-up aufnimmt, das ich nicht bemerkt habe.

Mode ist mir wichtig, aber ich kann schon dazu raten, sich etwas weniger von optischen Eindrücken leiten zu lassen. Bei meinen Mitmenschen erlebe ich oft, dass sie schnell Vorurteile aufbauen. Dabei gibt es top gestylte Leute, die sich benehmen wie eine bekleckerte Jogginghose.

Thomas Anders sagt viele tolle Sachen

Wenn ich jemanden kennenlerne, bin ich gezwungen, darauf zu achten, ob sich jemand „schön“ verhält, wie der Mensch spricht, mit anderen umgeht. Das Alter geht verloren, konventionelle Denkmuster auch. Ich konzentriere mich auf ihre Geschichten. Ab und zu bekomme ich Gesprächsfetzen mit und denke, „Wow, was ist das für ein eloquenter Mensch!“, und meine Begleitung sagt, das war eine Göre, die ihre Füße auf dem Stuhl hatte. Einmal habe ich mit einer Frau gesprochen, die eine unheimlich souveräne und charismatische Stimme hatte. Die habe ich mir als Mittvierzigerin in Nadelstreifen vorgestellt. Nachher erfuhr ich, dass sie noch ganz jung war, Jeans und Basecap trug. Das passte gar nicht zu meinem inneren Bild. In meiner Sendung habe ich einmal Thomas Anders von Modern Talking interviewt. Er war klug und hat lecker gerochen. Ich fand interessant, dass er früher immer nur über seine Optik definiert wurde, obwohl er so viele tolle Sachen zu sagen hat.

Zumindest nach den Eindrücken, die ich mir aus meinem Umfeld zusammenstückele, habe ich das Gefühl, jeder will zwar individuell sein, aber irgendwie sehen doch alle gleich aus. Das verstehe ich nicht. Ich mag Menschen, die Makel und Markenzeichen haben und sich trauen, ihren eigenen Stil zu schaffen. Vielleicht wird ja mal Blindheit zum Trend erklärt. Dann laufen alle mit pinken Augenbinden und pinken Stöcken herum.

Quelle: Jasmin Zwick