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"Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen"... Das hat sie gesagt, die gute Astrid Lindgren. Wie klug sie doch war! Unsere Autorin hat sich schlau gemacht, wie man das mit dem Nichtstun hinbekommt. Leicht ist es jedenfalls nicht. 

Viele Menschen setzen sich lieber einem Elektroschock aus, als mit sich alleine zu sein und nichts zu tun. Äh, what? Was für vielbeschäftigte Menschen mit Urlaubsträumen und Entspannungsmangel wie ein schlechter Scherz klingt, ist laut Science Magazine tatsächlich das Ergebnis einer Studie der University of Virginia in Charlottesville. Die Probanden wurden etwa 15 Minuten ohne Ablenkung alleine gelassen. Die einzige Möglichkeit, etwas zu tun: Sich mit einem Elektroschocker kleine (aber in einem Vortest von den gleichen Probanden als sehr unangenehm empfundene) Schocks zuzufügen. Viele der Probanden nutzten den Schocker nach einiger Zeit. Kein Scherz! Anscheinend schien ihnen das immer noch angenehmer, als nichts zu tun. Ja, wir sind auch ein bisschen irritiert...

Und wieder ist sie schuld: die Digitalisierung. Oder?

Viel Zeit zum Nichtstun bleibt ja aber (zum Glück?) ohnehin nicht heutzutage, in Zeiten der Digitalisierung. Wenn man einen Schuldigen sucht, ist die ja eh immer sehr beliebt. In diesem Fall scheint es aber offensichtlich: Smartphones, Tablets und Co haben das In-die-Luft-Starren abgelöst. Ist doch so! Oder? Nun ja, ganz so einfach machen es sich die Leiter der Studie nicht. Sie halten das allgemeine Aufs-Smartphone-Starren eher für ein Symptom, nicht für die Ursache für das ewige Beschäftigtsein.

Obwohl das Sinnieren über die Vergangenheit, die Zukunft und den Sinn des Lebens als zutiefst menschlich gilt, scheinen Menschen letzten Endes einfach nicht so viel Bock drauf zu haben, sich eben diesem Sinnieren hinzugeben. Jedenfalls weniger als auf Netflix, Facebook, Instagram... oder eben Elektroschocks. Dass das schon so in uns verankert ist, kann man schön sehen, wenn man Kinder beobachtet. Oder wer kennt Kinder, die einfach mal gar nichts tun?

Trotzdem: Nichtstun ist wichtig

Obwohl wir es nicht besonders gerne machen: Zwischendurch mal nichts zu tun, ist dennoch wichtig, sagen Hirnforscher. Im Zuge der sogenannten Bunker-Experimente in den 70ern, in denen Menschen komplett isoliert wurden, fand man heraus, dass man sich an den Zustand des Alleinseins ohne Ablenkung nur gewöhnen muss. Die meisten Probanden empfanden die Isolation von Ablenkung und anderen Menschen nach einiger Zeit nicht mehr als unangenehm. Im Gegenteil, es schien ihnen gut zu tun. Studienleiter Ernst Pöppel machte im Anschluss an die für die NASA konzipierten Experimente den Selbstversuch und stellte fest, dass er nach einer kurzen Umgewöhnungsphase ohne Ablenkung viel konzentrierter arbeiten konnte und sich viel unabhängiger von äußeren Einflüssen fühlte. Also alles eine Frage der Gewohnheit...

Schalt mal wieder in den Default Mode

Wem Nichtstun immer noch schlimmer als Elektroschocks erscheint, dem hilft vielleicht ein schönerer Ausdruck. Experten sprechen sowieso nicht vom Nichtstun, auch nicht vom Müßiggang, schon gar nicht von Faulheit. Sie sprechen vom sogenannten Default Mode, also dem Ruhezustand des Gehirns. Es ist erwiesen, dass dieser eigentlich gar nicht so ruhig ist wie der Name vermuten lässt. In einigen Hirnregionen feiern die Synapsen nämlich Party, sobald der Geist zur Ruhe kommt. Das ist zufälligerweise genau die Region, in der unsere Kreativität und unsere Fähigkeit, Probleme zu lösen verankert sind. Könnte man mal drüber nachdenken. Oder einfach nochmal kurz zum Schocker greifen. Bzzzzzzzz! Ach, herrlich!