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Diskussionen über Sauberkeit sind die Hölle. Vor allem mit der besseren Hälfte. Und am Ende geht es dann allen dreckig, findet unser Kolumnist

War ein gemütlicher Vormittag. Bis eben. „Siehst du das nicht?“, fragst du mich. Große Augen. „Kannst du den Dreck wirklich nicht sehen?“ Nicht. Schon. Wieder. Folge deinem ausgestreckten Zeigefinger und sehe – nichts. Deine Augen verengen sich, kleine Schlitze in einem Geschützbunker, aus dem Blitze schießen: „Da! Da! Da!“ Aha. Nichts.

Statt auf den Boden könntest du genauso gut in den Himmel zeigen und behaupten, da wären fliegende Untertassen. Klar, irgendwo in der Unendlichkeit des Weltraums wird’s vermutlich schon das ein oder andere Alien geben – aber überzeugt bin ich da erst, wenn es mir auf die Schulter klopft. Oder mich pulverisiert. Wenn ich dann in Partikeln über den Teppich riesel, dann kannst du von mir aus staubsaugen.

Drehe den Spieß mal um. „Siehst du das echt?“, frage ich. „Kannst du da wirklich Dreck sehen – also ohne Mikroskop oder das fluoreszierende Licht einer UV-Lampe?“ Deine Nasenflügel flattern. Müsste dir jetzt eigentlich sagen, dass das Unten für mich nicht existiert. Unterseiten von Lampen, Waschbecken, Tischen. Und alles unter Kniehöhe, zu weit weg. Deswegen gucken auch ab und zu meine Zehen aus den Socken.

„Würdest du etwa von so einem Boden essen?“, willst du jetzt von mir wissen. Gute Frage. Oh, dort neben dem Stuhlbein liegt tatsächlich was. Ein Stück Mortadella, mit Pistazie. Oder so. Schiebe es mir in den Mund. Nächste Frage, bitte. Dein pH-Wert sinkt rapide, bist jetzt richtig sauer. Die Wahrscheinlichkeit steigt, gleich doch eine fliegende Untertasse zu sehen.

Wieso tust du so, als wären bei uns Möbel und Müll organisch miteinander verwachsen? Sauberkeit – ist mittlerweile ein Reizwort geworden, das mir im Hals brennt, als hätte ich einen kräftigen Schluck Biff getrunken. Sauberkeit – ein schwammiger Begriff mit viel Interpretationsspielraum. Wie Schmutz. Schmutzig sind für mich Bahnhofstoiletten, meine Gedanken und das Lachen meiner Oma. Für dich ist im Grunde alles dreckig, auf dem das Putzwasser gerade erst getrocknet ist. Und dein „sauber“ ist getrieben von der Angst, dass unerwartet Besuch vor der Tür steht.

Schnappst den Wischer, rennst Furchen ins Parkett. Mit jeder Rille wächst mein schlechtes Gewissen. Will ich nicht haben. Ist aber da. Gehe in die Küche, koche. Friedensangebot. Brauche außerdem dringend einen anderen Geschmack im Mund. Mortadella mit Pistazie. Bei einem von beiden lag ich falsch.