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Unsere Autorin erklärt, warum sie sich von dem Anspruch verabschiedet hat, immer alles perfekt machen zu wollen.

Im Studium hatte ich mal eine Vorlesung. Dabei hat uns der Professor die 80/20-Regel erklärt. Die besagt, dass nur 20 Prozent unserer Anstrengungen für 80 Prozent unseres Erfolges verantwortlich sind. Und dass wir für die verbleibenden 20 Prozent (bis zum perfekten Ergebnis) weitere 80 Prozent unserer Zeit investieren müssen – also eine Unmenge an Stunden, die kaum in einem Verhältnis stehen. Damals wusste ich noch nicht, dass diese simple Regel wahrscheinlich das Einzige sein würde, was ich Jahre später noch erinnern würde.

Die 80/20 Regel

Mittlerweile ist es nämlich so: Ich ziehe die 80/20-Regel konsequent durch alle Lebensbereich durch. Statt in Schönheit zu Sterben, reichen morgens schon 5 Minuten vorm Spiegel für ein recht passables Ergebnis. Statt stundenlang zu kochen, bevor Freunde zum Abendessen kommen, bestelle ich lieber etwas. Und statt zu versuchen, meine Wohnung wie in einer dieser Wohnzeitschriften aussehen zu lassen, habe ich mich dazu entschlossen, Chaos als neuen Einrichtungsstil zu etablieren.

Die Autorin Elke Heidenreich hat einmal geschrieben „Man lebt nicht, um eine aufgeräumte Wohnung zu hinterlassen.“ Das sehe ich genauso. Wir sind eine Generation, die sich häufig nur dann als erfolgreich bezeichnen, wenn sie Job, Beziehung, Familie, Haushalt mit Bravour hinbekommen. Aber wer schafft das schon, ohne an einem Magengeschwür zu leiden? Ist es nicht viel besser, alles „ziemlich gut“ als „perfekt“ hinzubekommen? „Ziemlich gut“ bedeutet dann nämlich, dass wir noch Zeit für die schönen Dinge des Lebens haben: Freunde treffen, auf der Couch rumhängen, schlafen, solche Sachen.

Tschüss, Perfektionismus, dich braucht kein Mensch!

Und überhaupt: Wir machen uns viel zu häufig abhängig von der Meinung anderer. Wir sehnen uns nach Anerkennung und haben Angst, Erwartungen nicht erfüllen zu können. Psychologen nennen das den „dysfunktionalen“ Perfektionismus. Von dem sollten wir uns alle ganz schnell mal verabschieden. Er macht uns nämlich nicht glücklich. Deswegen bleibe ich lieber bei meinem Motto: 80 Prozent ist auch schon ziemlich gut. Wie früher eine Zwei in der Schule. Einserkandidaten waren doch eh immer die Streber, oder? Und um mit den Worten eines ganz Schlauen zu enden: "Ordnung braucht nur der Dumme, das Genie beherrscht das Chaos", sagte schon Albert Einstein. Und der muss es ja wissen.