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Verzicht ist der neue Trend. Und nichts zu besitzen gilt als großes Glück. Totaler Quatsch, findet unsere Autorin.

Minimalismus ist cool. Wer auf einer Party erzählt, er habe sich gerade von all seinen Besitztümern getrennt, der wird gefeiert als hätte er gerade den Mount Everest bestiegen – ohne Sauerstoff. Warum? Weil verwirrte Menschen das Gerücht in die Welt gesetzt haben, dass es einem viel besser geht, wenn man minimalistisch lebt. Die vorherrschende Meinung: Wer wenig hat, der kann sich endlich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist. So hätte man viel mehr Zeit, Genuss und Spaß.

Laut des „Life at Home Report 2017“ von Ikea fühlt fast jeder Dritte den Druck, minimalistisch leben zu müssen. Deswegen downsizen sie, wo es nur geht. Sie verkaufen ihre Autos, schmeißen ihre Bücher und Erinnerungsstücke in die Tonne und ziehen in kleine Butzen mit wenig Charme. Aber warum nur? Um sich frei zu fühlen? Um jederzeit die nächste Weltreise anzutreten oder gleich auszuwandern?

Ich bin kein Minimalist, war es nie. Kahle Wände und leere Fensterbänke braucht man bei mir gar nicht erst zu suchen. Die total uncoole Rauhfasertapete haben wir voller Fotos gehängt. Die Regale sind bis zum Anschlag mit Büchern und Krimskrams zugestopft, im Badezimmerschrank reihen sich Lotionen und Sonnencremes. Wir haben von allem viel zu viel. Fühle ich mich damit jetzt schlecht? Nein! Ich bin damit nämlich für jede Situation gerüstet. Wir könnten wochenlang eingeschneit sein, und meiner vierköpfigen Familie würde es an nichts fehlen. Wir könnten uns an den Dingen aus Speisekammer und Tiefkühler satt essen, unsere Zeit mit den Spielen aus der Spielesammlung meiner Oma vertreiben, zu den Hits aus der CD-Sammlung abrocken und müssten wahrscheinlich nicht einmal die Waschmaschine anschmeißen, weil wir genug Wäsche für alle hätten.

Sollen doch die anderen aussortieren. Ich muckele mich lieber mit meinem Krimskrams und meinen Lieben in meine nach minimalistischen Standards wahrscheinlich viel zu große Altbauwohnung. Vielleicht bin ich nicht zu retten und zu einem Leben in Stress und Unglück verdammt. Macht ja aber nichts. Dabei lasse ich es mir nämlich richtig gut gehen.