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"Ich hab dir was gemalt, Mama!" Ich nehme wieder mal einen Stapel knittrige, kunterbunte Malblätter entgegen. Wie schön, denke ich! Mein Kind hat was gemalt. Ist aber nur der erste Gedanke. Alle weiteren sind beschämend. 

Ich fühle mich wie eine Rabenmutter, weil ich froh bin, dass es heute nur vier Bilder sind. Ich wünschte, ich wäre eine von den Müttern, die ihr Kind für Picasso halten. Wenigstens für ein postmodern-expressionistisches Wunderkind oder so. Bin ich aber nicht. Das gibt das Talent meiner Kinder auch gar nicht her, denn: Meine Kinder malen verrückterweise einfach wie Kinder. Aber es ist ja nicht so, als hätten wir in diesem Hause keine Tricks, um den Picasso-Müttern die Stirn zu bieten.

Der Minimalismus-Trick

Es ist völlig egal, wie das Kind malt, wenn man die 1 + 1 + 1-Regel beachtet, kommt ein wahrhaftiges Kunstwerk raus. Klappt ungelogen immer! Ein Papier (oder eine Leinwand), ein Stift und eine Minute. Von allem zu wenig, um es zu versauen. Das Prinzip hab ich aus der Kita geklaut und verschärft. Da dürfen die ganz Kleinen beim Tuschen nur gelb und rot verwenden, weil so schlimmstenfalls ein komplett oranges Blatt bei rumkommt. Im besten Fall ein Sonnenuntergang. Wir gehörten zur Fraktion der orangenen Blätter, deshalb fand ich das Zwei-Farben-System auch völlig übertrieben. Ganz ehrlich? Die 1 + 1+ 1 - Bilder sind in diesem Haus die Schönsten. Und ich wette, Picasso hat auch mal mit Edding-Kopffüßlern angefangen.

Expressionismus für Vollprofis

Wenn es dann doch mal die farbliche Eskalation sein muss, dann aber bitte mit Vollgas. Fingerfarben! Acryl! Deckweiß! Glitzerpulver! Der Trick dabei: All das darf nur auf hochwertigem Untergrund platziert werden. Mindestens Aquarellpapier oder bestensfalls auf ner Leinwand, schon sieht das banalste Krickelkrackel nach Kunst aus. Dann einfach hübsch platzieren und die Picasso-Moms geraten ins Schwitzen. Wenn´s auf einer Leinwand ist, muss es ja gut sein! Ob mein Emil denn auch schon in der Kunstschule sei, fragt mich eine Mutter. Mit drei müsse man da ja langsam mal mit der Förderung anfangen. Nee, sag ich, Ein Naturtalent isser, der Emil, da kommt er ganz nach seinen großen Schwestern.

Der Darwinismus der Kunst

Ja, es klingt herzlos. Aber ich möchte wirklich nicht noch mehr Kinderzeichnungen mit Magneten an die Kühlschranktür heften und auch keine einzige weiße Stelle Wand einem weiteren Einhorn mit Flügeln in pink aus einer ausgerissenen Malbuchseite zur Verfügung stellen. Bei drei Kindern muss man ein bisschen hart sein, sonst kann man seinen eigenen Wohnstil bald nur noch erahnen. Unsere Lösung: Jedes Kind hat einen Bilderrahmen, in dem das seiner Meinung nach aktuell schönste Bild platziert wird. Mit darwinistischer Brutalität darf dann nach dem "Survival of the best"-Prinzip ersetzt werden. Leider entscheiden die Kinder selbst. Und das ist ehrlich gesagt die eigentliche Brutalität des Prinzips.

Egon, der hungrige Papierkorb

Für Härtefälle wie die "Ich-kann-jetzt-Schiffe-falten-Phase" wohnt Egon bei uns. Egon ist ein sehr besonderer, etwas renitenter Papierkorb. Er hat immer furchtbar schlechte Laune und pöbelt rum, bis die Kinder ihm Papier zu essen geben. Er mag nur das mit Farbe drauf. Besonders gut schmecken ihm die zerknitterten Mitbringsel aus der Kita. Dann mümmelt und grunzt er gierig, die Kinder haben für einen guten Zweck gemalt und am Ende vermisst irgendwie keiner das dreihundertfünfundachtzigste Regenbogenbild.