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Wieso sind alle derart naturverrückt? Unsere Autorin kann Fortschritt und Technik einiges abgewinnen – und findet ihr Leben wild genug

Ja, ich träume auch von einer Bloghütte, also einer Schreibklause im Wald, einem idyllischen Leben im grünen Bereich. Aber was momentan an Auswüchsen der Naturverehrung sprießt, finde ich total irre. Am Busen der Natur soll es paradiesischer sein als an sämtlichen Brüsten: „Ökosexuelle“ erreichen Gipfel der Lust, indem sie sich an wehrlosen Bäumen reiben oder Erdlöcher penetrieren. Mutter Natur soll zudem kundiger heilen als jeder Mediziner, allwissender sein als Google und nachhaltiger immunisieren als Impfungen, die zunehmend mehr gefürchtet werden als unheimlich natürliche Krankheiten wie Masern oder Tetanus. Letzter Schrei ist der erste Schrei an frischer Luft: Im Internet darf man miterleben, wie Hochschwangere ihre Babys beim „Free Birthing“ im Flussbett oder Meer in die Umwelt pressen. Wie kann man sich dabei lieber von einer Kamera begleiten lassen als von Ärzten?

Alternativmedizin: Frauen besonders gefährdet

Das Leben ist keine Kräuterwanderung und die Natur kein Sitzkreis auf Mooskissen, da geht es ruppiger zu als bei „Game of Thrones“. Wer pures Gift sucht, was Neohippies ja in Chemielaboren und Supermarktobst lokalisieren, der sollte einfach mal nach draußen gehen. Blau- und Goldregen, Oleander, Eisen- und Fingerhut, Eibe, Kirschlorbeer? Alles todsichere Anwärter auf die „Giftpflanze des Jahres“. Ein „gesunder“ Salat aus rohen grünen Bohnen hat schon Veganer-Kongresse ins Krankenhaus gebracht. Nach einer neuen Studie sind Frauen allerdings von Naturheilkunde, Öko-Esoterik und Wellness besonders begeistert, weil die klassische Medizin sie sträflich alt- und stiefväterlich behandelt. Der männliche Körper gilt in der Forschung als Maß der Dinge, weswegen Frauen bei Schmerzen und Beschwerden eher zum Psychologen geschickt werden. Vor allem gebildete und finanzkräftige Frauen wollen lieber alternativ ihr Wohlbefinden durch Detoxkuren und Jade-Eier in der Vagina stärken. In Notfällen habe ich jedoch noch nie gehört, dass jemand „Ist hier ein Heilpraktiker anwesend?“ schreit.

Die Natur und ich haben eine Schönwetterbeziehung

Lieber bleibe ich das passivste Mitglied der Wandervögel. Theoretisch durchstreife ich gern Wiesen und Wälder, praktisch panike ich bei der Abwehr von Wespen, Mücken und Zecken. Hoffnungslos, mich zu trendy Outdoor-Events zu motivieren, bei denen ich es „mal so richtig dirty“ zugehen lassen könnte: „Tough Mudder für Frauen – 18 Kilometer Schlamm & Hindernisse“ klingt wie eine normale Berufslaufbahn. Jede Fangopackung in Bad Pyrmont ist sexier. Ich entstamme eben einer langen wie langlebigen Linie überzüchteter Weicheier. Die Natur und ich haben eine Schönwetterbeziehung, jeder lässt dem anderen seine Rückzugsräume. Ich bin so öko, keinem Tier ein Bett im Kornfeld streitig zu machen. Und dass Mutter Natur immer noch nicht evolutionär umgesetzt hat, dass es keine Beinbehaarung braucht, weil es seit Jahrtausenden Hosen gibt, spricht nicht für ihren IQ. Mal ehrlich: Die Lebenserwartung ist drastisch gestiegen, seit Menschen den Rückzug aus der Wildnis angetreten haben. Auch ich bin mehr so der Typ für Indoor-Adventure.