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Foto: Marcus Werner
Die Journalistin und Nachhaltigkeits-Bloggerin Anna Schunck wollte irgendwann nicht mehr einfach gedankenlos Kleidung anschaffen. Deswegen hat sie beschlossen, zwölf Monate lang nichts Neues zum Anziehen zu kaufen. Wie das für sie war, hat sie uns im Interview erzählt.

BARBARA: Hast du wirklich das komplette Jahr lang keine neuen Klamotten gekauft?

Anna Schunck: Ja, ich habe tatsächlich ein Jahr keine neue Kleidung gekauft. Ich hatte auch ein bisschen Angst, dass ich das nicht durchhalten würde, deswegen habe ich mir selbst einen Rettungsanker geschaffen: Neue Unterhosen und Second-Hand-Klamotten im Notfall hätte ich mir erlaubt. 

Wie bist du auf dein Experiment gekommen?

Das ist vor allem durch unseren Blog Viertel/Vor entstanden, bei dem wir uns mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen. Fashion ist die zweitschmutzigste Industrie der Welt, weil einfach wahnsinnig viele Klamotten produziert werden. Ein Großteil davon ist auch noch sogenannte Fast Fashion für große Ketten, die darauf ausgerichtet ist, nicht lange zu halten und nicht lange genutzt zu werden. Dazu kommt, dass für die Baumwollproduktion oft unendlich viel Wasser verwendet wird und die Menschen, die die Kleidung herstellen und vertreiben, das oft unter extrem unfairen Bedingungen tun. Das wollte ich alles nicht mehr unterstützen. Aber das war noch nicht mal der Hauptgrund...

Was denn?

Ich wollte mich von der Modeindustrie nicht mehr verarschen lassen. Die gaukelt uns allen immer wieder vor, dass wir irgendwelche Sachen haben müssten, die wir gar nicht brauchen und propagiert alle vier Wochen neue Trends, die wir kaufen sollen. Ich wollte mal gucken, inwiefern ich mich davon freimachen kann.

Wie hat das geklappt?

Das hat viel besser geklappt, als ich dachte. Ich habe in meinem Leben wirklich viele Klamotten gekauft, oft auch ganz schön billig. Ich habe Trends mitgemacht, von denen ich gar nicht wusste, ob sie zu mir passen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich festgestellt habe, dass ich alles schon habe, was ich brauche. Das Experiment war nach einem Jahr vorbei  – und ich habe es nicht mal gemerkt. Ich stand vor einem Schaufenster und fand eine Mütze schön, als mein Freund mich fragte, ob mein Jahr nicht schon um sei. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon vierzehn Monate nichts mehr gekauft. Übrigens dann auch nicht die Mütze! (sie lacht)

"Es macht viel mehr Spaß zu sehen, was man hat, als darüber nachzudenken, was man braucht"

Konntest du dich schnell umgewöhnen?

Ich habe im Juni angefangen, da ging es sehr gut. Ich habe nichts vermisst. Im Herbst hatte ich einen Einbruch, da wurde es kalt, das Licht hat sich verändert. Da hatte ich Lust auf etwas Neues. Ich wollte auf einmal eine Shoppingtour machen. Ich habe mir richtig vorgestellt, wie ich durch die Stadt bummele und mir verschiedene Mäntel und Handschuhe kaufe. Dabei habe ich das früher gar nicht gemacht, sondern meistens online geshoppt. In dem Moment, musste ich mich zusammenreißen, um gar nicht erst zu gucken, was man im Moment gerade kaufen würde. 

Hast du gar nicht geguckt, was gerade "in" ist?

Nein, ich habe versucht das auszublenden. Aber natürlich bekommt man trotzdem etwas davon mit, was angesagt ist. Ich war ja immer an Klamotten interessiert. Mir ist nach wie vor nicht egal, wie ich aussehe, ich möchte nicht total aus der Zeit ausgefallen rumlaufen. 

Hat das mit den "alten" Klamotten geklappt?

Total. Es gibt ja ganz einfache Codes, um modisch auszusehen. Da geht es darum, wie man die Jeans krempelt, dafür braucht man gar keine neue Hose. In der Zeit meines Experiments kam der Trend des Jeansabschneidens. Aber ich habe das nicht gemacht, weil klar war, in einem halben Jahr muss die Hose wieder zehn Zentimeter länger sein. Deswegen habe ich sie gekrempelt, damit ich sie wieder langmachen kann, wenn ich möchte.  Das hat sich gut – und wie ein kleiner, persönlicher Protest gegen die Werbe- und Modeindustrie angefühlt. 

Hat der Versuch dich verändert?

Ja, er hat mich bewusster gemacht. Für die schlechten Bedingungen, unter denen die meisten Kleidungsstücke entstehen – und für den Überkonsum, den viele in unserer Gesellschaft einfach als selbstverständlich ansehen. Und es hat einen Stressfaktor aus meinem Leben genommen. Ich musste mir nicht mehr so viele Gedanken darüber machen, was ich zum Beispiel zu einer Hochzeit anziehe. Ich habe einfach ein altes Kleid genommen und geguckt, was von meinen anderen Sachen dazu passt. Erkenntnis: Es macht sehr viel mehr Spaß zu sehen, was man schon hat, als darüber nachzudenken, was man noch braucht. Ich habe meinen Stil gefunden, der ist relativ schlicht. Hose und Bluse oder Jeans und T-Shirt reichen mir. 

War das früher anders?

Ja, da habe ich manchmal gedacht, dass ich vielleicht mal etwas Neues ausprobieren sollte. Dann habe ich etwas gekauft, das ich nie angezogen habe, weil es gar nicht zu mir passte. Man muss ja auch nicht gleich alles neu kaufen. Ich finde es immer eine gute Möglichkeit, Dinge im Second-Hand-Shop zu suchen oder zum Beispiel bei der Kleiderei  zu leihen. Es gibt einfach schon wahnsinnig viele Klamotten, die schon produziert wurden und die sehr schön sind. 

Gab es denn noch etwas, das du dir in der Zeit des Experiments sehr gewünscht hast?

Ich habe mir zum Geburtstag eine Strickjacke von meinen Freunden und einen Schal von meiner Mutter schenken lassen. Weil ich in dem Moment dachte, ich bräuchte sie, weil es kälter wurde. Darüber habe ich mich aber auch besonders gefreut. Insgesamt hat sich meine Garderobe aber total minimiert. Ich habe viel weniger Sachen. Ich muss im Winter und Sommer deswegen viel weniger einmotten. Das finde ich ziemlich entspannt. 

 

Anna Schunck, geboren 1981, schreibt als freie Journalistin für Magazine wie Emotion, Gala und Maxi. Seit April 2016 bloggt sie auf viertel-vor.com über Themen wie grünen Lifestyle, Natur und Nachhaltigkeit. Sie lebt mit ihrem Freund, fünf Schafen und einer Katze in Brandenburg. 

 

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