Kategorie
Quelle: GettyImages

Eine Hauptverkehrsstraße, eine E-Mail zu viel in deinem Postfach oder ein Tag auf der Messe können dich an deine persönlichen Grenzen bringen? Manchmal hält man dich für überempfindlich, weil du auf Stimmungen reagierst, die nicht mal ausgesprochen wurden? Wenn diese Dinge auf dich zutreffen, haben die Leute vielleicht recht. Du bist überempfindlich. Du empfindest ganz einfach mehr als die meisten anderen Menschen. Doch alleine bist du damit nicht: 20 Prozent der Menschen sind hochsensibel, sagen Experten. Und das ist gut so.

Wenn Helenes Kollege mit schlechter Laune zur Arbeit kommt, verkrampft sich Helenes Magen. Obwohl er nichts sagt, spürt sie, wie sie innerlich immer angespannter wird. Er lächelt sie an, will sich Mühe geben, doch das falsche Lächeln hilft nicht gegen das sichere Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Helene spürt die Frustration ihres Kollegen durch seine Fassade hindurch. Sie besitzt diese Gabe, weil sie hochsensibel ist. Ihre Wahrnehmungsfähigkeit ist komplexer und intensiver vernetzt als bei 80 Prozent ihrer Mitmenschen. Licht, Geräusche, Feinheiten, aber auch Gefühle und Stimmungen werden von hochsensiblen Menschen viel tiefer und differenzierter wahrgenommen.

Fluch und Segen zugleich

Der Begriff der Hochsensibilität wurde 1997 vom Forschungsteam Aron und Aron eingeführt. Die Forscher berichteten, dass 15 bis 25 Prozent einer Population auf Reize stärker reagierten als der Rest ihrer Populationsmitglieder. Die Forschung bezog sich nicht nur auf Menschen, sondern auch auf andere Spezies. Unter Säugetieren fielen immer rund 20 Prozent der getesteten Tiere als besonders sensibel auf. "Man kann also sagen, dass es evolutionsgeschichtlich anscheinend sinnvoll ist, dass es in Sachen Wahrnehmung ein breites Spektrum innerhalb einer Population gibt", erklärt Jutta Böttcher, Gründerin und Geschäftsführerin von Aurum Cordis, einem Kompetenzzentrum für Hochsensibilität. "Hochsensibel zu sein ist für die Betroffenen oft Fluch und Segen zugleich", sagt die Expertin. Dann zählt sie die Hauptmerkmale auf, die auf Hochsensible in jeweils unterschiedlicher Ausprägung zutrifft.

Hochsensibilität kann zu Dauerstress führen

Zum einen haben diese Menschen eine tiefe, differenzierte Reizverarbeitung (sie nehmen also Sinneseindrücke viel ausgeprägter und ungefilterter wahr als andere). Das wiederum führt manchmal zu einer Neigung zur Überstimulation und dem Bedürfnis nach Rückzugsräumen. Hochsensible zeichnen sich auch durch eine besonders hohe Empathiefähigkeit aus und nehmen selbst feinste Nuancen in ihrer Umgebung und in ihrem Inneren wahr. Diese vernetzte Wahrnehmungsfähigkeit kann im Alltag allerdings zu Dauerstress führen. Die größte Ressource, die Hochsensible gegen die Reizüberflutung und das Gefühl der Überforderung haben, ist die ästhetische Sensibilität. Jutta Böttcher empfiehlt, diese Ressource unbedingt zu nutzen. "Es geht dabei vor allem um das Erleben der Natur. Für hochsensible Menschen sind Naturerlebnisse ein starker Entspannungsbereich." Auch in jeglicher Form der Kunst finden Menschen mit besonders intensiver Wahrnehmung Ruhe und kreativen Input. Musik zum Beispiel kann sie so tief berühren, dass schon mal Tränen fließen.

Die anderen sehen manchmal klarer

Für einige Menschen ist ihre Hochsensibilität kein Problem. Wieder andere verzweifeln manchmal an ihrer Andersartigkeit. Während es für erstere keinen großen Unterschied macht, ob sie wissen, warum sie so intensiv wahrnehmen, ist das für die zweite Gruppe sehr relevant, um sich selbst besser einschätzen zu können. Wer weiß, dass er Gefühle anderer Menschen mitfühlt, kann sich mit diesem Wissen besser abgrenzen, indem er sich bewusst macht, dass diese Emotionen nicht die eigenen sein müssen. Manchmal reicht es schon, einfach den Raum kurz zu verlassen, um sich wieder auf den eigenen Zustand zu besinnen. Auch kann das Bewusstsein über die eigene Besonderheit beim Verständnis für "normal sensible" Menschen helfen. Den Gedanken "Merkst du das eigentlich nicht?" kann man sich dann selbst beantworten: Nein, der andere merkt es nicht. Und das ist auch gut so, findet anscheinend die Evolution. Denn während du als Hochsensibler damit beschäftigt bist, die Umgebung in all ihren Details zu erfahren, können sich weniger sensible Menschen auf das Wesentliche konzentrieren. Sie können manchmal Gefahren besser erkennen und unabhängiger von den Gefühlen, Vorstellungen und Erwartungen anderer handeln. Schließlich kennen sie die meist ja gar nicht. Auch für diese Seite gilt: Fluch und Segen zugleich. Am besten ist es immer, wenn Menschen mit unterschiedlicher Wahrnehmung zusammenkommen und gegenseitig von den Stärken der anderen profitieren.