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Was passiert, wenn Horter und Wegschmeißer zusammenwohnen

Wir brauchen mehr Stauraum“, sagt mein Freund. „Nee, wir brauchen nur weniger Sachen“, sage ich. Und dann geht die ganze Laier von vorne los.

Wenn ich uns mal ganz kurz vorstellen dürfte: Mein Freund ist ein Sammler. Leidenschaftlich. Schon seit er klein ist. Deswegen verteilt er überall in der Wohnung seine kleinen und großen Schätze: die Dosensammlung aus den 90ern, die Knibbelbildsammlung aus den 80ern, die Trikotsammlung seiner gesamten unprofessionellen Fußballer-Karriere aus den vergangenen vier Jahrzehnten. Und so weiter. Ihr macht euch ein Bild.
Und dann bin da ich. Die Wegschmeißerin. Für mich haben wenige Dinge einen emotionalen Wert. Deswegen kann ich mich gut von ihnen trennen. Das mache ich regelmäßig und erlebe dabei ein großes Hoch – so wie nach viel zu viel Sahnetorte und Likör. Ohne Balast zu sein, ist für mich ein Stück von Freiheit. Mit zu viel Krams fühle ich mich eingeengt.

Alles muss raus!

Nun ist es so: Die meiste Zeit verstehen wir uns richtig gut – mein Freund und ich. Aber es gibt so Tage, da geht mir sein ganzes Gesocks dermaßen auf die Nerven, dass ich am liebsten einen Container bestellen würde, um da kurzerhand alles reinzuschmeißen. Tschüss. Auf Nimmerwiedersehen! Das wäre ein Träumchen. Das einzige Problem: Meine Beziehung würde ich damit gleich mit im Container versenken. Das wiederum ist mir die Wunschvorstellung von einer kargen Wohnung mit einer paar Büchern dann doch nicht wert.

Weil wir oft aneinander geraten sind, haben mein Freund und ich uns auf einen Kompromiss geeinigt: Wenn es mich mal wieder überkommt, dann mache ich mich über meinen Kleiderschrank und die Speisekammer her. Dabei gibt es eine Regel: Mein Freund darf nicht, niemals, nie, die Sachen wieder auspacken, die ich gerade aussortiert habe. Sonst geht das nämlich so: „Wie, die willst du wegschmeißen, die ist doch noch gut!“, sagt er dann zum Beispiel bei der oben aufliegenden Bluse, die ich schon seit Monaten nicht mehr angezogen habe, weil sie immer total zerknittert aus der Wäsche kommt und ich es hasse sie zu bügeln. Und so zottelt er ein Teil nach dem anderen wieder aus dem Kleidersack, was mich in den Wahnsinn treibt, weil ich doch schon innerlich alles aus meiner Bestandsliste gestrichen habe. Mit seinem blöden immer-alles-behalten-wollen verdirbt er mir den ganzen Spaß!

Das zweite Leben der T-Shirts

Auf der anderen Seite habe ich Abstand davon genommen, ihn immer wieder zu fragen, wann er denn mal wieder ausmistet, weil das nur zu weiterem Streit führt. Und wenn er, oh Wunder, doch einmal in zehn Jahren auf den Gedanken kommt, etwas aussortieren zu wollen, dann renne ich schnell aus der Tür – denn dieses Drama kann ich nicht mit ansehen. Er räumt dann zum Beispiel in stundenlanger Arbeit seinen Schrank aus, um dann hinterher ALLES wieder einzuräumen. Denn, wie schon erwähnt, mein Freund schmeißt NIE etwas weg. Nicht mal das T-Shirt mit den großen Löchern unter der Achsel landet in der Tonne. Das könnte man doch noch als Putzlappen verwenden. Und der Anzug, den er zum Beginn seiner Bank-Lehre vor 18 Jahren angezogen hat? Der wäre doch bestimmt bei einer Bad Taste Party total der Renner! Das sagt er seit etwa zehn Jahren. Und wir waren in der Zeit auf keiner einzigen Bad Taste Party. Und wenn wir doch mal zu einer gehen, dann gibt es noch viele andere Schätzchen, die er genauso gut ausführen könnte.

Letztens ist dann etwas total Verrücktes passiert. Auf einmal, ganz aus dem Nichts, hat mein Freund einen Rappel bekommen. Er hat seine hundert (ungelogen) T-Shirts um die Hälfte reduziert. Und dann hat er sogar noch seine alten (schon total zerfledderten) Basketball- und Tennisschuhe in die Tonne gehauen. Ich stand fassungslos daneben. Und als er dann, nach getaner Arbeit, noch sagte „So, das fühlt sich gut an!“, habe ich angefangen, mir ernsthaft Sorgen zu machen. Ist das jetzt die Midlife Crisis? Hat ihn der Blitz getroffen? Nicht, dass er jetzt ein ganz anderer Mensch wird! Denn eigentlich mag ich ihn doch. Und die paar Sachen...