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Süß-saure saftige Äpfel, Vanillepudding und Zimtschnecken – das sind die Dinge, die nach Kindheit schmecken. Immer, wenn man diesen Geschmack wieder auf der Zunge hat, wird man mal eben BÄÄÄÄM in eine Zeit gebeamt, in der der Sommer noch unendlich schien, der Schnee den ganzen Winter über lag und alle Sorgen mit einem Kuss von Mama begraben wurden. Doch was, wenn so ein Geschmack nicht im Apfel steckt, sondern produziert und irgendwann brutal von der Produktliste gestrichen wird? Unsere Autorin kennt sich damit aus: Sie hat schon Beschwerden an Heinz, Knorr und Oma geschrieben. Manchmal sogar mit Erfolg.

Alles begann, als ich zum ersten Mal Liebeskummer hatte. Das war sehr spät, da hatte ich Glück. Aber es traf mich umso härter, weil ich dieses verdammte Liebeskummer-Monster erst kennenlernen musste und es von außen irgendwie immer harmloser ausgesehen hatte. "Gibt es irgendwas, was dir jetzt helfen würde?", fragte meine beste Freundin besorgt. Ich nickte schluchzend. Früher hatte gegen jeden Kummer dieses eine Müsli geholfen. Auch gegen Müdigkeit, schlechte Laune und die harte Realität an und für sich. Ach, Müsli ist das falsche Wort, dieses Zeug war eine Offenbarung! Zarte Haferflocken gemischt mit schmelzenden Fruchtplättchen, die nach Sommer und Orangen schmeckten. Das zusammen mit Milch – besser ging es nicht. Genau dieses Müsli brauchte ich. Dann würde es mir besser gehen, das wusste ich. Ich erinnerte mich nicht mehr, wie es hieß, meine Mutter auch nicht. Wir wussten nur, dass es von Knorr war. Also riefen wir die Knorr-Kunden-Hotline an, beschrieben das Wundermüsli, wurden von Hinz zu Kunz weitergeleitet und erklärten wieder und wieder, was wir wollten. Nein, brauchten! Bis wir an eine nette alte Dame gerieten, die es kannte. "Nein, Kindchen, das gibt es nicht mehr. Das wurde schon vor zehn Jahren aus dem Sortiment genommen." Ihre Worte waren fast noch schlimmer als der Liebeskummer. Nie wieder sollte ich den Hafer-Milch-Sommer schmecken dürfen? Es war ein Desaster.

Und dann auch noch der Ketchup

Noch schlimmer war es, dem drohenden Verlust hilflos ins Auge zu sehen! Erst gab es nur kleine Indizien. Unser Supermarkt um die Ecke hatte meinen Lieblingsketchup nicht mehr. "Probieren Sie doch mal eine andere Sorte", sagte man mir an der Information. Diese Menschen an Supermarktinformationen haben manchmal echt keine Ahnung. Ich ging fremd und lief 300 Meter weiter zum einkaufen. Die hatten meinen Ketchup aber bald auch nicht mehr. "Wurde eingestellt", sagte da der Informationsmann. Heiß überfiel mich die Lust auf genau diesen Ketchup und ich wäre gerne nochmal Drei gewesen, um mich mit trommelnden Fäusten auf den Boden zu werfen. Ich eilte nach Hause und rief bei Heinz an. Mit Kundenhotlines hatte ich ja nun Erfahrung. "Den gibt´s wirklich nicht mehr", sagte die nette Dame am Telefon. "Aber wir bringen eine neue Sorte raus, die eine ganz ähnliche Rezeptur hat." Wie konnte sie es wagen? Ähnlich? Ähnlich war nicht ausreichend. Ich kaufte die letzten zehn Flaschen bei Real und genoss meine letzten Monate mit meinem heißbeliebten Ketchup. Als er leer war, schrieb ich Heinz nochmal an. Ich versprach, jede Woche eine Flasche zu kaufen, wenn sie es sich noch einmal überlegten. Ein letzter Akt der Verzweiflung. Sie schrieben mir, ich solle mal die neue Sorte probieren. Ich tat es erst nach wenigen Monaten, weil es sich wie Hochverrat anfühlte. Und ich muss zugeben, er schmeckte genauso. Es war, als hätte ich einen verlorengeglaubten Freund wiedergefunden. Oder zumindest seinen Zwillingsbruder.

Oma hat keine Kundenhotline, oder?

Letztes Jahr kam ich dann auch nicht mehr mit Kundenhotlines weiter. Meine Oma teilte uns einfach mit, dass sie an Weihnachten die Pute nicht mehr machen würde. Noch schlimmer, sie ließ es ausrichten, so als wäre es nichts weiter. Für andere mag Weihnachten nach Keksen, Marzipan oder Lebkuchen schmecken – für uns schmeckt Weihnachten nach Omas Pute. Tagelang briet sie die aus, stellte sie wieder kalt, schöpfte das Fett ab und zauberte aus diesem Fett und jeder Menge alkoholischer Getränke eine Sauce, mit der sie spielend einen Michelin-Stern verdient hätte. Hat sie nur nie drauf angelegt. Meine Geschwister und ich protestierten. 82 sei ja wohl kein Alter. Doch meine Oma blieb hart. Ihr einziges Angebot: Wenn wir tagelang Zeit hätten vor Weihnachten, dann könnten wir das ja gerne von ihr lernen. Anweisungen geben, das könne sie auch noch mit 100. Ich werde es meinem großen Bruder nie vergessen, dass er es gelernt hat. Weihnachtsgeschenke kriegen wir jetzt keine mehr von ihm. "Kein Zeit", sagt mein Bruder. "Ich muss Pute braten." Aber am Ende ist die doofe Pute das größte Geschenk, das er uns machen kann. Selbst meine Oma macht er damit glücklich. "Die Pute schmeckt viel besser, wenn sie einem keine Arbeit macht", findet sie. "Da schmeckt sie so wie früher." Und genau darum geht es eben manchmal nur beim Essen. Gut? Schlecht? Egal! Hauptsache wie früher!