Kategorie
Foto: Getty Images

Sina und Matthias lieben sich. Es ist wichtig, das zu erwähnen, denn was sie ausprobiert haben, lässt vielleicht anderes vermuten. Für unser Experiment haben die beiden eine Beziehungsdiät gemacht. Was das genau bedeutet? Ach, nicht der Rede wert ...

Nicht reden, nicht berühren, 14 Tage lang. Als ich meinem Freund die „Beziehungsdiät“ erkläre, guckt er fassungslos. Die Regeln sind streng. Lediglich „dringend Organisatorisches“ dürfen wir per SMS oder Notizzettel klären, ansonsten: null Paarkommunikation, auf keiner Ebene. Es gibt tatsächlich Paartherapeuten, die so was ihren Patienten vorschlagen, um deren Achtsamkeit gegenüber dem Partner zu schulen und die Beziehung zu intensivieren. Aha. Eine Mischung aus Neugier, Tollkühnheit und Trotz hat mich dazu gebracht, den leicht sadistischen Auftrag der Redaktion anzunehmen. Eigentlich reden Matthias und ich sehr gern und häufig miteinander, und wenn wir uns nicht sehen, schicken wir uns ausgiebig Nachrichten. Ich weiß es auch durchaus zu schätzen, dass wir so liebevoll miteinander umgehen. Wird eine Diät nicht normalerweise gemacht, um etwas zu reduzieren, das nicht gut für einen ist?

Es ist doch nur ein Spiel, oder?

Aber wir werden es denen schon zeigen. Schließlich haben wir als Ex-Fernbeziehungspaar reichlich Erfahrung mit Kommunikationsbegrenzungen – zwei Jahre lang von Hamburg nach München. Fast jedes zweite Wochenende. Und die Idee des Fastens ist ja: Wenn man eine Weile lang freiwillig auf etwas verzichtet, dann weiß man es danach umso mehr zu schätzen. Wir schaffen das. Es ist nur ein Spiel. Wird schon nicht so schlimm.

Tag 1 (D-Day)

Es ist die Hölle. Das Kind ist krank und nachts jede Stunde aufgewacht. Der Morgen war nicht besser. Bei der Arbeit habe ich einen dämlichen Fehler gemacht. Ich zittere vor Ärger über mich und die böse Welt, will schon den Hörer in die Hand nehmen und meinen Freund anrufen, da fällt mir ein: Darf ja nicht. Also reiße ich mich wieder zusammen, stemme mich allein dem langen Tag entgegen und freue mich auf ... Ja, auf was eigentlich? Heute Abend ist Funkstille zu Hause angesagt. Wie ab jetzt jeden Abend. Wenn mich Matthias doch wenigstens in den Arm nehmen könnte! Er ist da, und er ist doch nicht da, für mich. Und ich bin es nicht für ihn. Warum genau haben wir uns noch mal auf diese Psycho-Folter eingelassen? Wer abnehmen möchte, lässt sich doch auch nicht für zwei Wochen in einem Süßwarenladen einschließen.

Tag 2

Wir beginnen den Tag neuerdings mit einer Partie Scharade: „Du suchst deine Brille? Nein? Hm, ist was mit deinen Augen? Mit meinen?“ Ah, ich soll auf die Kleine aufpassen! In den nächsten Tagen werden wir es in dieser Disziplin zu höchster Perfektion bringen. Ist dieses ganze Schweigespiel doch ein Spaß?

Tag 3

Es hat auch seinen Reiz, Regeln und Grenzen auszuloten. Wenn so viele Ausdrucksmöglichkeiten wegfallen, muss man sich was einfallen lassen: Emoticons sind zumindest nicht explizit verboten. Und mit etwas Fantasie lässt sich damit erstaunlich viel sagen. Überhaupt bekommen die kleinen Paar-Rituale plötzlich eine viel größere Bedeutung. Der Cappuccino, morgens ans Bett gebracht, sagt dem anderen: Du bist mir wichtig, ich habe dich nicht vergessen, ich sehe dich. Apropos „sehen“: Sich minutenlang einfach nur anzustarren kann eine ziemlich intensive Erfahrung sein.

Tag 4

Heute geht’s ins Theater! Ein Abend nur für uns zwei, selten genug und lang geplant, die Babysitterin ist gebucht. Die Übergabe klappt auch im Paar-Schweigemodus, mittlerweile sind wir eingespielt. Der Babysitterin fällt es überhaupt nicht auf, dass wir nicht miteinander reden. Und die Leute auf der Straße und im Theater denken wahrscheinlich: Wieder so ein Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat.

Tag 5

Kann bitte jemand den gestrigen Abend aus meinem Langzeitgedächtnis löschen? Unser Date mit uns und der Kultur war der Horror. Schon auf dem schweigenden Weg zum Theater fröstelte ich, nicht nur vor Kälte. Es fühlte sich beinahe so an, als wären wir ein entfremdetes Paar, das nur noch nebeneinanderher lebt. Mit einem einzigen Kuss wäre alles wieder gut gewesen. Und dann dieses Stück. Der Titel hätte uns skeptisch machen müssen: „Warum läuft Herr R. Amok?“ Es geht um einen Mann, der langsam, aber sicher verrückt wird. Weil um ihn herum nur Belanglosigkeiten ausgetauscht werden oder gleich gar nicht mehr miteinander geredet wird. Irgendwann sitzt Herr R. in seinem Wohnzimmer und summt nur noch vor sich hin: Di da-da. Di da-da. Di da-da. Dann erschlägt er Nachbarin, Frau und Kind.

Tag 6

Di da-da. Di da-da. Di da-da.

Tag 8

Ich muss hier mal raus, nur für ein paar Stunden. Meine Schwester besuchen. Einfach mal mit jemandem reden.

Das Wochenende

Es waren einmal ein Mann und eine Frau. Sie liebten sich sehr. Sie spielten ein Spiel. Keiner durfte mit dem anderen reden. Keiner durfte dem anderen seine Liebe zeigen. Sie spielten und spielten und spielten. Und nach einem langen stillen Wochenende wusste keiner mehr genau: War das nur ein Spiel?

Noch 6 Tage

Der Langzeiteffekt unseres Schweigegelübdes wird spürbar: keine Kommunikation gleich Frustration gleich Projektion. Besonders die SMS, die wir uns zur Alltagsabstimmung schicken dürfen, sind wahre Tretminen. Was soll eigentlich dieser harsche Ton? Warum bekomme ich den ganzen Tag nur knappe Anweisungen zugestellt? Erst, als er mir schreibt, dass ich leider nicht all seine Nachrichten lese, die er mir nicht schicken kann, legt sich mein Zorn. Was mich aber weiterhin ärgert: die lieblosen Begrüßungen und Verabschiedungen. Unsere Tochter küsst er jedes Mal, noch zärtlicher als sonst.

Noch 5 Tage

Eine gewisse Routine macht sich bemerkbar und ein leichter Schlendrian. Erste bewusste und unbewusste Regelübertretungen sind zu beobachten. Immer öfter missbrauchen wir unsere Tochter als Vermittlungsagentin: „Anna, hat die Mama sich eine neue Bluse gekauft? Steht ihr ziemlich gut, oder?“ Unnötig zu erwähnen, dass Anna – elf Monate – die Antwort schuldig bleibt. Das könnte ganz witzig sein, wenn es nicht so wahnsinnig anstrengend wäre.

Noch 4 Tage

Di da-da. Di da-da. Di da-da.

Noch 3 Tage

Letzte Nacht bin ich aufgewacht, seine Hand lag auf meiner Hüfte. Streng verboten natürlich, aber sie fühlte sich da so gut an. Morgens war sie leider wieder verschwunden.

Noch 2 Tage

SMS von ihm: „Bin gleich zurück. Im Kloster.“ Schön, denn in der letzten Zeit hat er sich ziemlich rargemacht. Das verstehe ich gut, die Abende sind am schwersten zu ertragen. Unsere Wohnung ist zu klein, um sich aus dem Weg zu gehen, und eigentlich wollen wir das ja auch gar nicht. Aber stumm auf dem Sofa nebeneinanderzusitzen wird zum Psychotest. Wenn wir uns aus Versehen einmal streifen, zucken wir mittlerweile zurück. Kein Wunder, dass wir in diesen Tagen erstaunlich geschäftig sind: Die Lieblingsserie ist zu Ende geguckt, der Küchentisch komplett abgeschliffen und versiegelt, der Duschschlauch ausgewechselt. Höchste Zeit, für heute an der Matratze zu horchen, vielleicht hat die ja wenigstens etwas zu erzählen. Zusammen ist man manchmal mehr allein. Auf dem Weg ins Bett höre ich plötzlich aus dem Wohnzimmer Musik, die langsam lauter wird. „Talk to me. Please talk to me ... Something just changed in my world and it’s killing me ... Baby talk, it’s me ...“ Ich muss schlucken.

Vorletzter Tag

Ich zähle die Stunden bis zum Ende. Aber was wird morgen passieren? Fallen wir uns in die Arme? Oder erst einmal übereinander her? Und vor allem: Hat uns das Experiment verändert?

Die Erlösung

Immer noch so still hier. Jedes Wort scheint zu banal zu sein, um das Schweigen zu brechen. „Alles gut?“ Ja, jetzt ja. Endlich wieder. Das sage ich auch, dann schweigen wir noch ein bisschen. Aber diesmal zusammen. Dieses Schweigen fühlt sich ganz anders an als in den letzten Tagen. Selbstverständlich, ungefährlich. Einfach schön. Weil wir uns dabei in den Armen liegen dürfen. Ein bisschen ist es so, als wäre einer von uns lange verreist gewesen, ohne den anderen. Später, als die erste Unsicherheit vorbei ist, lösen wir uns mehr und mehr aus der erzwungenen Entfremdung – und erzählen uns endlich, was wir erlebt haben, während wir nebeneinanderher lebten. Noch Tage später fällt mir immer wieder etwas ein, was ich vergessen habe zu erwähnen.

Nur eines haben wir schnell geklärt: Das Experiment hat uns und unsere Beziehung nicht verändert. Aber es hat uns gezeigt, wo wir niemals hinwollen.